| Künstler aus Jamaika,
Haiti,
Kuba, T & T, Brasilien und anderen Ländern, reihen
sich ein in einen breit
gestreuten Kulturmix. Neben den Konzerten gab und gibt es aber auch
passend zu
den Themen, Filme, Lesungen, Podiumsdiskussionen oder Konferenzen. Ganz
klar,
dass ein Festival, welches sich dieses Gebiet zum Thema auserkoren hat,
nicht
am Reggae vorbeikommt. Am Freitag den 17. Juli kam es dann für
die
Reggae-Massive zum Highlight des Festivals. Zuerst Superstar Horace
Andy und danach
noch Legende Lee „Scratch“ Perry mit dem Dub-Genie
Adrian Sherwood als
Doppelkonzert. Im Anschluss gab es dann auch noch den Kultfilm
„Countryman“ zu
sehen, der in Jamaika spielt und natürlich mit viel Reggae
gespickt ist.
Nachfolgend ein paar
Eindrücke vom Tage.
Ort des Festivals ist die
ehemalige Kongresshalle, die auch
als „Schwangere Auster“ bekannt ist und im Rahmen
der Internationalen
Bauausstellung im Jahr 1957 geplant und realisiert worden ist. Im Mai
1980 kam
die „Schwangere Auster“ in die Schlagzeilen, als
ein Teil der Dachkonstruktion
einstürzte und die Titel der
„Tageszeitung“ mit „Schwangere Auster
niedergekommen“ spöttelte. Seit 1989 dient das
Gebäude nicht mehr als
Kongresshalle, sondern dem Haus der Kulturen der Welt als
Begegnungsstätte mit
Kulturen aus aller Welt, vor allem aus Afrika, Asien und Lateinamerika.
Es
präsentiert sich als Heimstatt für Theater,
Performances, Musikdarbietungen und
Ausstellungen außereuropäischer Kulturen. Mehr Infos
dazu gibt es unter www.hkw.de.
Als wir nach einigem Gekurve durch das Umfeld des Berliner
Regierungsviertels endlich einen Parkplatz erwischt haben, finden wir
ein stark
umlagertes Haus der Kulturen vor. Vor dem Eingang stehen noch Hunderte
Besucher, die vergeblich auf eine Karte warten. Die Veranstaltung ist
schon
seit mehreren Tagen ausverkauft. Ursprünglich als
Open-Air-Veranstaltung
geplant, musste man wegen Unwetterwarnungen das Ganze leider nach
drinnen
verlegen. So konnte man neben den bisher verkauften 1000 Karten keine
zusätzlichen Leute mehr hineinlassen. Man achtet hier streng
auf die nötige
Bewegungsfreiheit der Gäste, was
eigentlich auch gut so ist. Die Tageskarte für 10,00 Euro ist
auch ein sehr moderater
Preis, was für zusätzliche Besucher gesorgt haben
dürfte. Wo sonst die Berliner
Reggae-Konzerte nicht mit diesem riesigen Andrang zu kämpfen
haben, gibt es im
Rahmen des Wassermusik-Festivals eben auch viele Gäste, die
sich sonst eher
weniger ein Reggae-Konzert in den dafür gängigen
Locations ansehen. Viele der
Fans müssen also unverrichteter Dinge wieder nach Hause gehen.
Wir sind spät
dran und im großen Theatersaal ist bereits
Horace Andy voll in Aktion.
Horace Andy ist Jahrgang 1951 und wurde als Horace Hindes in
Kingston geboren. Er begann seine Karriere Anfang der 70-er Jahre bei
Coxsone
Dodd im Studio One. Der Durchbruch in Jamaika kam 1972 mit seinem
ersten Nr.1
Hit „Skylarking“. Seine
gewöhnungsbedürftige und nicht alltägliche
Stimme und
das ihm nachgesagte hohe Schlafbedürfnis, brachte ihm auch den
Spitznamen „Mr.
Sleepy“ ein. Bisher gibt es über 30 Alben von ihm
auf dem Markt. Eines der
vorjährigen guten Alben ist „Horace Andy On
Tour“. Das bisher letzte diesjährige
Album heißt „Inspiration Information 2“,
eine Zusammenarbeit mit dem britischen
DJ und Producer Ashley Beedle, was aber in eine andere ungewohnte
Richtung geht
und dem Roots-Fan nicht so zusagen wird. Mehr Infos zu Horace Andy gibt
es bei: www.myspace.com/horacesleepyandy
und www.myspace.com/mrhoraceandy


Horace ist ganz in
weiß gekleidet. Er hat zwei traditionelle
Halsketten um, ein Anhänger mit den Umrissen von Afrika und
der andere mit dem
Motto „Roots-Reggae-Rasta“. Seine Dreads, die er
beim Summerjam noch offen
trug, hat er dieses Mal hinten zusammengebunden. Das Publikum ist wie
erwartet
gemischter als sonst. Die Reggae-Massive ist heute nicht unter sich. Es
gibt
aber niemand im Saal den die Musik nicht mitreißt. Wer bis
heute keinen Draht
zu Reggae hatte, bei dem dürfte Horace nun das Interesse
geweckt haben. Auch
die Band überzeugt mit perfektem Zusammenspiel und
beeindruckenden Bläsereinsätzen,
die der Musik den richtigen Sound verpassen.
Horace wird lautstark
gefeiert und kommt am Ende an einer
Zugabe natürlich nicht vorbei.

In der Umbaupause
strömt das Publikum in das angrenzende
Außengelände um nach frischer Luft zu schnappen. Im
Saal selbst herrscht
karibisches Klima, obwohl alle anderen Bereiche des Kulturhauses
angenehm
temperiert sind. Ein wenig Frischluft, auch im Theatersaal,
wäre nicht von
Schaden gewesen. Viele Besucher sind durchgeschwitzt, als
hätten sie selbst ein
Bühnenprogramm absolviert.

Nach dem sich auch Horace
wieder erholt hat, geht es zum
Interviewtermin in den großzügigen Backstagebereich,
der ebenfalls einen
zusätzlichen Außenbereich besitzt. Sehr angenehm ist
die ruhige und
zuverlässige Unterstützung der Mitarbeiterinnen des
Hauses der Kulturen, die
den Termin bei Horace abfragen und in geordneten Bahnen verlaufen
lassen. Das
Interview findet Ihr gesondert auf www.reggaeinberlin.de
unter „Reviews“ und dort unter
„Interviews“.

Während des
Interviews taucht auch noch Lee Perry auf,
postiert sich hinter Horace und überrascht ihn als er seine
eigenen Kommentare
einwirft. Ein schöner Moment zwei Legenden des Reggae so
zusammen erleben zu
können. Inzwischen hat Lee an unserem gegenwärtig
blühenden und stark duftenden
Sommerflieder Interesse gefunden, muss ihn sich gleich unter sein
Space-Cap
schieben und in sein schillerndes Outfit einverleiben, bevor ihn
Tourmanager
Christoph von Revelation
Concerts zu seinem Gig ruft.


Lee Perry tritt heute
gemeinsam mit Adrian Sherwood auf.
Anders als bei den zurückliegenden Shows der letzten Jahre,
gibt es also dieses
Mal keinen Auftritt mit den White Belly Rats, sondern eine
Soundsystem-Show.
Ursache ist Lee Perrys 2008-er Album „The Mighty
Upsetter“, welches ebenfalls
in Zusammenarbeit mit Adrian Sherwood bei On-U Sound erschienen ist.
Lee Perry ist inzwischen
73 Jahre alt und zum Glück immer
noch nicht zu müde für neue Produktionen und
Auftritte. Einen großen Anteil
daran hat seine junge Frau, die für ihn das wichtigste im
Leben geworden ist
und mit der er heute zusammen in der Schweiz lebt. Lee Perry ist eine
der
schillerndsten und dienstältesten
Reggaegröße, die man noch live erleben kann.
Sein prägender Einfluss im Reggae ist unbestritten und die
Liste der Künstler,
die von ihm produziert worden sind, ist lang. Seine Discography ist
nahezu
endlos und kaum überschaubar. Ohne Empfehlung und
Hörprobe sollte man aber
nicht wahllos daraus schöpfen. So experimentierfreudig und
variabel wie Lee
Perry ist, so sind auch seine Alben nicht auf einen Style festlegbar.
Es gibt
immer wieder Überraschungen und nahezu jede Fangemeinde kann
fündig werden. Am
24. Mai vorigen Jahres war Lee Perry zuletzt in Berlin aufgetreten. Ein
umfassendes Concert-Review, mit mehr Infos zu Lee Perry, gibt es in
einer anderen Story auf dieser Seite.
Weitere
Informationen zu Lee Perry findet man unter Anderem unter www.myspace.com/leescratchperry.
Mit Adrian Sherwood kommt
ein Mann nach Berlin, der als
Dub-Magier von Großbritannien bekannt geworden ist. Adrian
ist Jahrgang 1958
und wurde als Adrian Maxwell Sherwood in London geboren.
Sein erstes Label Carib
Gems gründete er im Jahre 1975, auf
dem unter Anderem das Debütalbum von Prince Far I erschienen
ist. Später folgte
das kurzlebige Label HitRun und 1980 das Label On-U Sound, nach seinem
gleichnamigen Soundsystem. Seine Dub-Kreationen galten schon in den
70-er
Jahren als unverwechselbar und waren gekennzeichnet von
großer
Experimentierfreudigkeit. Eine Eigenschaft die er mit Lee Perry
gemeinsam hat.
Lee Perry trifft mit seinem neuen Album nicht zum ersten Mal mit Adrian
Sherwood zusammen. Gemeinsame Produktionen sind unter Anderem auf
„From My
Secret Laboratory“ und „Time Boom X De Devil
Dead“ zu hören.

Was wir dann live zu
hören bekommen ist einfach
atemberaubend. Adrian macht nicht nur eine einfache Soundsystem-Show,
sondert
zaubert aus seinem enormen Wirrwarr von Kabeln und
Gerätschaften noch eigene
Klangelemente dazu, die einen speziellen Sound ergeben. Man
fühlt sich in die Zeit
alter Black-Ark Aufnahmen zurückversetzt, jedoch kombiniert
mit neuen
Dub-Elementen.
Auch das Klangbild
verschiedener Produktionen mit Mad
Professor ist nicht zu überhören.
Alte Klassiker wie
„War Inna Babylon“ oder „One Step
Forward“ werden so zum völlig neuen Erlebnis.

Lee Perry im gewohnt
schrillen Outfit ist auch wieder ein
glitzerndes Kunstwerk für sich.
Riesige Ringe an jedem
Finger, Ketten, sein reich verziertes
Space-Cap und natürlich wieder die selbst gestalteten
auffälligen Schuhe. Mit
auf der Bühne sein Reisekoffer, der auf allen Seiten mit
diversen Aufklebern
zugeklebt ist, die vom ursprünglichem Design fast nichts
übrig lassen.

Vom neuen Album
„The Mighty Upsetter“ hören wir unter
Anderem Stücke wie „International
Broadcaster“, „Rockhead“, „Lees
Garden“ oder „Everything Start From
Scratch“, wobei „Rockhead“ und
„Lees Garden“ die mitreißendsten
Stücke sein
dürften. Aber auch andere ältere Sachen wie
„De Devil“ (LSP legalize …) und
viele weitere Stücke fügen sich in den Charakter der
Show vortrefflich ein.

Zum Ende des Gigs
verabschiedet sich Lee von einem völlig
durchgeschwitzten und begeisterten Publikum. Eine Zugabe gibt es nicht,
obwohl
die Massive lautstark danach verlangt und Adrian selbst den Glauben
hat, dass
Lee Perry noch einmal erscheint. Seine fragenden Blicke in Richtung
Bühnenaufgang
bleiben aber unerwidert. So beginnt dann schließlich Adrian
seine Technik zu
entwirren und zu verpacken, während er noch ein paar
Stücke zum „Abkühlen“
hinterher schiebt.
Langsam löst
sich das Publikum auf und kann auf einen
gelungenen Abend zurückblicken.

Nun besteht noch die
Möglichkeit im Obergeschoss den
Kultfilm „Countryman“ anzusehen, was wir aber zu
Gunsten eines eventuellen
Backstage-Termins mit Lee Perry zurückstellen.
Erst heißt es
zwar, Lee würde heute keine Interviews geben,
aber dann kommt doch noch seine Zustimmung. Maximal von 10 Minuten ist
die Rede.
Letztendlich ist das aber nicht zu halten. Die Liste eines
Fragestellers ist
besonders lang und er muss vom Management angemahnt werden,
für die anderen Anwesenden
noch etwas Zeit übrig zu lassen. Er will aber nicht aufgeben
und wirft immer
wieder seine Fragen beiläufig mit ein, obwohl die Interviews
dann längst
abgeschlossen waren und nur noch Fotos und Autogramme als Richtung
vorgegeben
worden sind. Lee Perry bleibt aber zum Glück die Ruhe selbst,
obwohl schon
mehrfach von seiner Frau und dem Management der Aufbruch
verkündet wird. Zum
Ende sind dann doch alle Anwesenden zufrieden gestellt und die
„10 Minuten“
mehrfach überschritten.

Als die Perrys
schließlich in Richtung Taxi aufbrechen,
versuchen wir vom Countryman noch zu erhaschen was übrig ist.
Noch dem
Perry-Wahn verfallen, begrüßt uns im Kinosaal auch
noch passender Weise Lee
Perrys Klassiker „Dreadlocks In Moonlight“. Der
Film ist damit aber leider auch
schon so gut wie vorbei. Schade, aber letztendlich nicht so schlimm.
Filme kann
man jederzeit erneut ansehen, aber eine Legende wie Lee Perry trifft
man nicht
alle Tage.
Copyright: Text und
Fotos
by Reggaestory
Mein
besonderer Dank
geht an Julia Hihn vom Haus
der Kulturen der Welt, F-Cat,
Christoph Tewes von Revelation
Concerts und
natürlich an die Akteure des
Abends
selbst.
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