NIKOLAUS
REGGAE PARTY 2011
YELLOW UMBRELLA & KEVIN BATCHELOR feat. OLIVER POLAK
08.12.2011 - Alter
Schlachthof Dresden
Sie haben es schon wieder
getan und ihre Nikolauskostüme hervorgekramt.
Eine Nikolaus und Yellow Umbrella sei Dank, schöne und
passende Bescherung zum Jahresende. Die Nikolaus Reggae Party von Yellow Umbrella ist
immer ein Highlight in ihrem jährlichen
Bühnenprogramm. Als Special Guest war dieses Mal der
jüdische Komiker Oliver
Polak angekündigt. Das Yellow Umbrella
vielleicht auf Oliver Polak kommt, ist ja noch mit deren Vorliebe
für Klezmer Musik nachvollziehbar, aber umgekehrt? Irgendeine
Beziehung in Richtung Reggae konnte ich jedenfalls im Vorfeld nicht auf
seiner Website finden. Ich war mächtig gespannt, was bei
dieser Konstellation herauskommen würde.
Aber
mein Vertrauen zur Nikolaus
Reggae Party war groß. Bisher war das ja immer eine
äußerst gelungene Veranstaltung. Kurz vorher wurde
dann auch noch mit Kevin
Batchelor, ein weiterer Special Guest
angekündigt, den ich erst recht nicht verpassen wollte.
Hier noch einmal die Tourdaten der diesjährigen Nikolaus
Reggae Party:
• 06.12.2011 Leipzig, Werk II
• 07.12.2011 München, Feierwerk
• 08.12.2011
Dresden, Alter Schlachthof
• 09.12.2011 Prag (CZ), Rock Cafe
• 10.12.2011
Berlin, YAAM
Kurz vor der Nikolaus Tour, am 25.11.2011, ist Yellow
Umbrella´s neues Live-Album „Live At The
Groovestation“ erschienen. Wie man an dem Albumtitel unschwer
erkennen kann, spielt die Dresdner Groovestation die
Gastgeberrolle für die Aufnahmen. Die Scheibe enthält
„neben einem Haufen Geschrei vom Publikum (vielen Dank noch
mal dafür!) Songs unseres Konzertes vom 06.03.2011 in Dresden
in der Groovestation.“ (so Yellow Umbrella).
Bild 1 + 2: Albumcover „Live at
the Groovestation“, Pork Pie / Rain Records, 25.11.2011
Dem voraus gingen die letzten Studioalben „A Thousend
Faces“ (2010), „Same Same – But
Different“ (2008) und „Little Planet“
(2007). Mehr zu Yellow Umbrella gibt es auf deren Website und
in einem früheren Bericht auf dieser Website.
Kevin Batchelor, in den letzten Jahren bekannt als Trompeter bei den Skatalites,
wurde 1960 in St.
Louis, Missouri, in den USA geboren.
In früheren Jahren hatte er schon fünf Jahre
gemeinsam mit Steel Pulse getourt und arbeitete an deren 92-er
Live-Album „Rastafari Centennial – Live In
Paris“ mit. Weiterhin arbeitete er mit der US-Reggae-Band Big
Mountain zusammen und spielte bei vielen namhaften Artists wie Jimmy
Cliff, Sly & Robbie, Maxi Priest, Dennis Brown, Eek-A-Mouse,
The Meditiations und vielen anderen.
Im Oktober 2005 wurde Kevins Soloarbeit „Batchelor
Party“ veröffentlicht, wo er auch als
eigenständiger Sänger zu hören ist. Und in
diesem Jahr hat er zeitgleich mit Yellow Umbrella, am 25.11.2011, sein
zweites Album „Grand Concourse“ nachgeschoben. Wenn
das kein Grund ist, gemeinsam auf Tour zu gehen.
Bild 1: Albumcover
„Batchelor Party“, Living Room
Records,
Oktober 2005 Bild 2: Poster CD Relaese Party zu
„Batchelor Party“ vom 21.03.2006 Bild 3: Albumcover „Grand
Concourse“,
Rocking Records, 25.11.2011
Einen Bericht zu den Skatalites mit Kevin Batchelor aus dem Jahr 2005
gibt es hier.
Nun ein paar
Eindrücke aus dem Alten Schlachthof in Dresden.
Reichlich gestresst, da ich nicht pünktlich sein konnte,
treffe ich auf dem menschenleeren Vorplatz des Alten Schlachthofes ein.
Mein clubgeschädigtes Zeitgefühl, welches besagt, man
könne ruhig „etwas“ später
kommen, funktioniert in Dresden nicht. Nur 40 Minuten nach dem
offiziellen Einlass ist der lustige Teil mit Yellow Umbrellas
Kostümierung schon fast vorüber. Ich erwische gerade
noch die letzten Takte von „Rudolph The Red Nosed
Reindeer“, aber Rudolph ist nicht mehr da, und ein
großer brauner Bär verschwindet gerade ebenfalls
hinter der Bühnendekoration. Die Kostümierung der
Band ist leider nicht mehr ganz komplett.
Der Bär entpuppt
sich als Bandmitglied Jan, während Thomas, Jens, Bernard,
Harry und Gero im Nikolauskostüm aufspielen. Bassplayer
Jürgen ganz in grün, mit dreieckiger Mütze
und ein paar Lichterketten behangen, stellt den Weihnachtsbaum dar.
Mittendrin mit weißem langen Kittel und rotem Umhang, spielt
Kevin Batchelor die Trompete. Mit „Last Christmas“
endet der weihnachtliche Teil der Show, und die Kostüme werden
wieder abgelegt.
Der Spaß des Abends ist aber noch nicht vorbei denn nun
folgt: „Hochverehrtes Publikum, liebe Herrenrasse. Es ist
soweit! Hier ist nun für euch, das Tel Aviv der deutschen
Comedy, die Thora des Monats. Yellow Umbrella proudly presents: Den
einzigen lebenden jüdischen Stand-Up-Comedian Deutschlands
– Oliver Polak. Und wenn ihr denkt, wo haben die den denn
aufgegabelt, dann liegt ihr genau richtig.“
Oliver Polak erscheint im schwarzen Jogging-Anzug, mit schwarzem Schal
und grauer Strickjacke. Er hat eine Vorliebe für
Jogging-Anzüge, die er meistens bei seinen Auftritten
trägt.
„Ich mag ja eigentlich gar keinen Reggae,
aber ich mache eben gern verrückte Sachen!“,
begründet er seinen Auftritt hier. „Gibt es hier
Schwule, Schwarze, oder arbeitslose Ossis …?
Darüber darf ich nämlich keine Witze
machen!“, so Oliver weiter. Aber Witze über Juden
gibt es nonstop. Man mag kaum glauben, dass Oliver wirklich Jude ist.
Was er hier teilweise präsentiert, dürfte wohl
hierzulande kein Nichtjude sagen, ohne gleich als antijüdisch
zu gelten. Diesen Humor oder diese Einstellung würde ich mir
auch in anderen Bereichen wünschen. Es darf ja keiner mehr was
sagen, ohne gleich an den Pranger gestellt zu werden. Olivers
Fragestellung am Anfang geht da schon in die richtige Richtung.
„Ich vergesse euch die blöde Geschichte mit dem
Holocaust und ihr verzeiht uns Michel Friedmann.“, so Oliver
weiter. Oder: „Sie sind Jude? Kann man denn davon leben? Ja
klar, wir können sehr gut davon leben. Wir müssen ja
nicht mehr durch so viele teilen.“ Das Gelächter im
Saal wirkt ein wenig erschrocken und zurückhaltend.
Dürfen wir wirklich darüber lachen?
„Warum
sind jüdische Männer beschnitten?“, stellt
Oliver die Frage an das Publikum. „Hygiene!“, kommt
es irgendwo aus den Massen zurück. „Ja, das hat er
dir erzählt.“, lehnt Oliver die Antwort ab.
„Jüdische Männer sind beschnitten, weil
keine jüdische Frau irgendetwas anfassen würde, was
nicht mindestens um 20% reduziert worden ist.“, korrigiert
Oliver trocken. Musikalisch gibt sich Oliver dann auch noch mit seinem
Song „Lasst uns alle Juden sein“, oder parodiert
Udo Lindenberg mit „Hinter dem Holocaust geht´s
weiter …“ und anderen. Yellow Umbrella,
einschließlich Kevin Batchelor, haben sich inzwischen
jüdische Hüte mit beidseitig angedeuteten Pejes
(Schläfenlocken der Juden) aufgesetzt. Zum Schluss von Oliver
Polak´s Auftritt gibt es noch das
„Judenspiel“. Oliver nennt den Namen eines
Prominenten, und dann sollen die Leute raten, ob es sich um einen Juden
oder einen „normalen“ Menschen handelt. Bei Iris
Berben rufen sie „normal“, bei Alfred Biolek
„Jude“, bei Alf sind sie sich nicht sicher. Selbst
bei Jesus gehen die Meinungen auseinander, obwohl nach über
2000 Jahren endlich jeder wissen müsste, dass Jesus ein Jude
war. Zum Schluss nennt sich Oliver selbst, und die Massen rufen
„Jude“. Darauf Oliver: „Nein, ich bin
normal, ich mache das nur wegen des Geldes.“ Oliver
verlässt unter großem Beifall die Bühne.
Wer sich weiter zu Oliver Polak informieren und einen noch besseren
Eindruck gewinnen möchte, dem seien unter Anderem nachfolgende
Links empfohlen:
Dann geht es wieder ganz „normal“ im Sinne eines
Reggae- und Ska-Konzerts weiter. Die Maskeraden des Abends sind
vorüber. Yellow Umbrella und Kevin Batchelor heizen der
Massive so richtig ein.
„Are you ready for Ska? “ Und los geht´s
mit „Freedom Fries“, bevor Kevin mit
„Where Are You Going“ und
„Blues“ das Programm fortsetzt.
Kevin Batchelor als
Soloartist und Sänger zu erleben, hatte ich leider bis heute
noch nicht die Gelegenheit. Bisher konnte ich ihn nur als Trompeter und
maximal als Backgroundstimme erleben. In den letzten Jahren habe ich
bezüglich Kevin so Einiges verpasst. Weiter geht es mit
„Allez Les Jaunes“, bevor es mit „A
Thousand Faces“ den ersten Reggae-Song vom gleichnamigen
letzten Studioalbum gibt. Mit „One Leg Song“ und
„Plombier Polonais“ geht es dann wieder mehr in
Richtung Ska zurück.
Video: One Leg Song
Als nächstes folgt „Oh Girl“
(Boooo´s Song vom Reggaehase
Boooo), ein Titel der zu meinen Favoriten von Yellow Umbrella
zählt.
Video:
Oh
Girl (Boooo's Song)
Für all Jene, die Boooo´s
Song bisher nur als „Oh Girl“ wahrgenommen haben,
sei noch angeführt, dass Boooo die Figur in einem Kinderbuch
von Yellow Umbrella ist, welches im vorigen Jahr herausgekommen ist.
Für weitere Informationen geht einfach auf Boooo´s Fanpage.
Später folgt der Song „Almanya“, der neben
„Oh Girl“ ebenfalls auf dem letzten Studioalbum
„A Thousand Faces“ zu finden ist. Auch eines meiner
Lieblingsstücke, welches man auch auf VolkanikMan´s
Charity-Album „Actions
– No Words“ finden kann. Jens
singt hierzu nun selber auf Türkisch, da VolkanikMan nicht
immer zur Verfügung stehen kann. Respekt.
Video:
Almanya
(live 2010)
Yellow Umbrella bringt die
richtige Mischung auf die Bühne. Das Programm geht zwar
überwiegend in Richtung Ska, lässt aber auch noch
genügend Spielraum für Reggae. Ja und Special Guest
Kevin Batchelor sorgt noch zusätzlich für Abwechslung
beim Gesang.
Über „Modern Slavery“, eine langsamere
Reggae-Nummer, geht es dann weiter in Richtung Kairo und zur Einbindung
von orientalischen Elementen. „Waitin
In Cairo“ ist ein immer wieder gern
gehörtes älteres Stück.
Mit den Skanummern
„You Never Cared For Me“ und
„Perestroiska“ geht es weiter.
Video: You never cared for me
Video: Perestroiska
Das Publikum singt lautstark mit wie ein Kosaken-Chor. „Das
geht nur hier in Dresden!“, freut sich die Band, bevor sie zu
einer kurzen Pause die Bühne verlässt.
Video: Greencard
Dann geht es zum Finale bzw. in den Zugabenteil. Mit
„Greencard“, „Ma Belle“,
„Rise And Fall“, „Josephine“
und „Leave It Alone“ (Kevin) gibt´s noch
einmal richtig Reggae und Ska auf die Ohren, bevor Oliver Polak, im
nunmehr knallgelben Jogging-Anzug, noch einmal seine Aufforderung
„Lasst uns alle Juden sein“ singt. Während
seines Abgangs, der aber nur auf das Drummerpodest von Gero
führt, wird er mit einer Ladung Konfetti verabschiedet.
Kevin, ist ebenfalls in allerbester Abschiedslaune, aber Jens
hält ihm die Setlist unter die Nase und zeigt mit den Finger
auf das Ende der Aufstellung. Kevin ist also noch einmal mit
„Your Love Is My Love“ an der Reihe, bevor die
langsame Nummer „Lay Down“ den endgültigen
Schlusspunkt setzt.
Alle Akteure des Abends versammeln sich noch einmal auf der
Bühne und verneigen sich zum Abschied vor dem Publikum.
Fazit:
Wieder eine supertolle Nikolaus Reggae Party, die ich nicht missen
möchte. Es wird nie langweilig mit Yellow Umbrella. Sie lassen
sich immer wieder etwas Neues einfallen.
Kevin Batchelor als Special Guest war dabei eine besondere Bereicherung
und glänzte neben seinen musikalischen und gesanglichen
Fähigkeiten, wie immer mit guter Laune und Komik.
Oliver Polak war die Überraschung, von der wir sicher in
Zukunft noch öfter hören werden.
Zwar nicht beim Reggae, aber wer lebt schon nur von Reggae allein.
Bild 1: Kevin und Oliver
Auch nach der Show kann Oliver seinen Humor noch nicht ablegen. Als ich
ihn noch einmal zweifelnd frage: „Und du bist wirklich
Jude?“ Seine Antwort: „Wir können ja mal
nach hinten gehen, da zeige ich´s dir.“
Natürlich nicht, ich lehne dankend ab. Es gibt ja auch noch
andere Leute die beschnitten sind. Das ist sowieso kein Beweis.
„Hast du denn noch nie Ärger wegen deiner Witze von
Seiten der eigenen Leute bekommen? Die Witze sind doch manchmal ganz
schön grenzwertig.“ Oliver schüttelt denn
Kopf: „Nein noch nie. Das ist für mich auch keine
Frage des Glaubens sondern der Einstellung.“ „Du
hast auf der Bühne gesagt, dass du keinen Reggae magst. Ich
kann mir das gar nicht vorstellen, wenn man sich in solch eine Show
einbringt, wie sich das vereinbart.“, frage ich weiter.
„Ich mag wirklich eigentlich keinen Reggae und Ska. Ich kenne
Jens Strohschnieder schon seit langer Zeit und er hat mir immer wieder
CD´s von Yellow Umbrella zugesteckt. Ich mochte die Musik
dann sehr gerne und bin sogar auf Konzerte mitgekommen. Bei dieser
Weihnachtstour sind ja immer wieder andere Gäste dabei, und
die Jungs von Yellow Umbrella haben mich gefragt, ob ich mitmachen
will. Ich fand die Idee so seltsam, dass ich ja gesagt habe. Komik
entsteht oft durch das Absurde und es war sehr absurd.“
Hier noch ein paar Fragen an Jens.
Reggaestory:
Wie kam es eigentlich dazu, dass Kevin Batchelor mit euch auf Tour
gegangen ist? Jens:
Kevin hat mich angerufen. Er wollte unbedingt nach der kurz vorher zu
Ende gegangenen Skatalites Tour noch irgendetwas machen. Ich antwortete
ihm, dass wir aber ganz verrückte Sachen machen und er dann
womöglich einen Bischof spielen müsste. Kevin hat nur
gelacht und gesagt, dass er jeden Mist mitmachen würde. Und so
kam es dann dazu. Mit Kevin zusammenzuarbeiten ist etwas ganz
Besonderes. Es macht unwahrscheinlich viel Spaß.
Während der Proben haben wir unglaublich viel gelacht. Reggaestory:
Ja das kann ich mir gut vorstellen. Kevin hätte wohl auch
Komiker werden können. Jens:
Ja genau, da hast du recht. Reggaestory:
Ein Thema noch. Der Song „Almanya“ ist doch
eigentlich ein Stück für VolkanikMan.
Jetzt hast du wohl extra Türkisch gelernt, damit ihr das
Stück auch ohne VolkanikMan präsentieren
könnt? Jens:
Ja ich hatte die Idee für das Lied und Volcan hat den
türkischen Text dazu geschrieben. Das war nicht einfach
für mich. Aber eine türkische Freundin sagte mir, es
würde gut klingen. Ein wenig deutscher Akzent, aber das
wäre in Ordnung. Reggaestory:
Ich kann zwar kein Türkisch, aber als ich dich zum ersten Mal
mit diesem Stück gehört habe, war mir im ersten
Moment gar nicht aufgefallen, dass Volcan nicht dabei ist. Wie kam es
eigentlich zu der Idee für dieses Lied? Jens:
Hier in Deutschland ist es doch so, wenn einer Mohammed, Ismael oder
einen anderen fremdländischen Namen trägt, wird immer
in den Medien erklärt oder ergänzt „der
gebürtige Deutsche“. Das ist wo anders nicht so.
Wenn du nach England kommst, ist es völlig egal wie du
heißt. Da fragt dich keiner ob du Engländer bist
oder nicht. Die sind da ein ganzes Stück weiter. Das brachte
mich auf die Idee zu diesem Song. Wir sind alle Kinder Deutschlands. Reggaestory:
Vielen Dank noch einmal für das tolle Programm, und ich
wünsche euch noch viel Spaß auf der weiteren Tour.
Bild 1 + 2: Jens und Kevin Bild 3 + 4: Jens, Kevin und Thomas