| Noch etwas ungläubig sehe ich aus der
Ferne ständig einen Rasta auf den Bildschirmen gute Laune
verbreiten. Etwas
näher gekommen, dann tatsächlich die Erkenntnis
– hier wird auch Reggae
gespielt und mit Mbah Surip hat man sogar einen einheimischen Musiker
der
Zunft, der äußerst populär zu sein scheint.
Noch ehe wir uns in den nächsten Tagen
besser darüber
informieren können, erreicht uns schon die Nachricht von
seinem Tode. Noch am
Morgen nach unserer Ankunft, gegen 10:30 Uhr, ist Mbah Surip an einer
Herzattacke, im Hospital Pusdikkes in Ost Jakarta, verstorben.
Indonesien trauert nun um einen Künstler, der erst vor kurzem
große
Popularität erreichte und sogar Präsident Susilo
Bambang Yudyhono zu einer
Beileidsbekundung veranlasste, wenn vielleicht auch wahrscheinlich mit
Blick
auf dessen eigene Popularität. Yudhoyono, oft auch SBY
genannt, führte aus,
dass Mbah Surip schon immer ein Künstler gewesen und in der
Kunst einen
eigenen, indonesischen Weg gegangen sei.
Die Popularität von Mbah Surip zeigt auch, wie stark die
Jugend Indonesiens
im Internet vertreten ist, obwohl nur wenige Haushalte über
eine
Internetverbindung verfügen.
Im Internetportal-Twitter wurde das Thema Michael Jackson für
einige Stunden
durch Mbah Surip verdrängt.
Wer
war Mbah Surip?
Mbah Surip ist sein
Künstlername. Mbah ist auf Java eine Anrede für
Großeltern oder ältere Menschen und Surip war der
Spitzname des Künstlers. Auf
der Bühne sang er sehr locker, hatte viel Kontakt mit dem
Publikum, viel
(indonesischen) Humor und bewies auch große Ausdauer. So sang
er bei einem Auftritt
60 Stunden lang, womit sein Name als indonesischer Rekordhalter in das
MURI
(Indonesisches Rekordmuseum) gelangte. In einem
späteren Interview sagte er dazu: “I love singing
and I don’t
mind doing it nonstop. Once I sang for 60 hours with only a little
sleep, but
I’m happy.”Was man allerdings
zunächst wohl eher nicht vermutet. Der
Mann hat einen akademischen Hintergrund. Sein richtiger Name ist Drs.
Ir. Urip
Achmad Rijanto Soekotjo, MBA (Master of Arts). Er wurde am 05. Mai 1949
in
Mojokerto, Ost Java geboren und hatte sich als Witwer (seit 26 Jahren)
um 4
Kinder und 4 Enkelkinder allein zu kümmern.
Er war im Studium sehr engagiert und erreichte zunächst den
Titel eines Chemieingenieurs, später einen Master-Abschluss
und arbeitete nach
seinem Abschluss für einige Jahre in den USA, Kanada und
Jordanien als
Sachverständiger für Ölbohrungen, sowie in
Diamanten- und Goldminen.
Nach seiner Rückkehr nach Jakarta war er in verschiedenen
Künstlergruppen, wie eguh Karya, Aquila, Bulungan, und Taman
Ismail Marzuki
aktiv. Sein erstes Album „Ijo Royo-royo“
veröffentlichte er schon im Jahr 1997,
darauf folgten weiter Alben, wie „Indonesia“
(1998), Reformasi (1998), „Tak
Gendong“ (2003) und „Barang Baru“. Der
Song „Tak Gendong“ (Trage mich auf
deinem Rücken) erreichte allerdings erst Mitte 2009 seine
wirklich überragende
Popularität und spielte bisher ca. 4,5 Millarden Rupiah ein
(ca. 300.000 Euro).
Der
Text und die Melodie sind zwar recht einfach (Indonesier singen gern
mit), jedoch verbirgt sich hinter diesem doch eine tiefere Bedeutung.
Der
Text des Nr. 1-Hits:
Tak
gendong kemana-mana (Ich trage dich auf meinen Rücken
überall)
Tak gendong kemana-mana (Ich trage dich auf meinen Rücken
überall)
Enak donk, mantep donk (es ist doch bequem, es ist doch stabil)
Daripada kamu naik pesawat kedinginan (wenn du mit dem Flugzeug
fliegst,
frierst du)
Mendingan tak gendong to (es wäre besser, wenn ich dich auf
meinem Rücken
trage)
Enak to, mantep to (es ist doch bequem, es ist doch stabil)
Ayo.. Kemana (Komm….wohin?)
Tak
gendong kemana-mana (Ich trage dich auf meinen Rücken
überall)
Tak gendong kemana-mana (Ich trage dich auf meinen Rücken
überall)
Enak tau (weißt du, es ist doch bequem)
Reff:
Where are you going?
Ok I’m
Where are you going?
Ok my darling
Ha…Ha…....
Tak
gendong kemana-mana (Ich trage dich auf meinen Rücken
überall)
Tak gendong kemana-mana (Ich trage dich auf meinen Rücken
überall)
Enak donk, mantep donk (es ist doch bequem, es ist doch stabil)
Daripada kamu naik taxi kesasar (wenn du mit dem Taxi fährst,
wirst du dich verfahren)
Mendingan tak gendong to (es wäre besser, wenn ich dich auf
meinem Rücken
trage)
Enak to, mantep to (es ist doch bequem, es ist doch stabil)
Ayo.. Kemana (Komm….wohin?)
Mbah
Surip schrieb seinen späten und unvermuteten Nr. 1-Hit bereits
im Jahr
1983, als er in den USA arbeitete. Der Text hat, wenn er auch simpel
erscheint,
eine philosophische Bedeutung. Seine Aussage ist, laut Mbah Surip, dass
Menschen im Leben gute, wie auch schlechte Dinge erlernen, dass jedoch
beides
zum Leben gehört. In einen Bus, könnten böse
und gute, reiche und arme Menschen
einsteigen, dem Bus selbst sei dies relativ egal. Er schrieb viele
leichte und
eingängliche Songs, jedoch nie ohne Hintergrundgedanken. Die
meisten
beschäftigen sich mit alltäglichen Probleme wie Armut
und eigene
Unzulänglichkeiten aber auch, wie im Lied „Enak
Keeanak“ (= bequem, sehr
bequem) über die Solidarität unter Künstlern
(zum Beispiel durch gemeinsames
Essen und geschnorrte Zigaretten). Obwohl er nun sehr populär
wurde und gut
verdiente, blieb er doch relativ bescheiden und machte sich eher
über den
unverhofften Reichtum lustig. Reporten erzählte er
beispielsweise, dass er sich
einen Helikopter zulegen wolle, da er in den USA oft gefragt worden
sei, welcher
indonesische Promi einen Privat-Helikopter besitze. Er wolle daher der
erste
indonesische Promi mit einem Helikopter sein. Da er den Reporter
daraufhin fragte,
ob der nicht wüsste, wer zurzeit einen gebrauchten Helikopter
zu verkaufen
hätte, sollte deutlich machen, dass diese Aussage wenig ernst
gemeint war. Er
verriet dem Reporter auch weitere Investitionspläne, so wolle
er 1 Milliarde
Kilo Kaffee und Zucker kaufen, da man seiner Meinung nach
länger lebt, wenn man
wenig schläft und viel Kaffee trinkt.
Leider
hat sein vielfacher Kaffeegenuss, den er auch tatsächlich
zelebrierte, ihn nicht wirklich weiter gebracht. Ausgerechnet auf dem
Höhepunkt
seiner Karriere und tragischer Weise vor dem Hochzeitstermin seiner
dritten
Tochter Resia Tri Kresnawati, musste Mbah Surip als nur
60-jähriger diese Welt
verlassen. Die Beerdigung erfolgte bereits in der nachfolgenden Nacht
um 23:10
Uhr, nachdem man die vorverlegte Hochzeitszeremonie seiner Tochter
abgehalten
hatte, die ursprünglich für den 16. August geplant
war.
Überall
auf der Insel verfolgt uns „Tak Gendong“ - am
Strand, in den
Ortschaften und selbst auf den Spitzen der Vulkane. Überall
wird dieser Titel
mit viel Spaß gesungen. Es genügt der
Schlüsselreiz „rot-gelb-grün“ auf
einem
T-Shirt, oder ein Bild von Bob Marley und schon bricht
Fröhlichkeit aus und
„Tak Gendong“ wird angestimmt. Reggae in Indonesion
ist natürlich nicht so wie
wir ihn von Jamaica und anderenorts her kennen. Da ist man in
Indonesien schon
noch ein paar Jahrzehnte zurück, zumindest gegenüber
der aktuellen Szene.
Vorwiegend wird auch Wert auf die lustige Seite gelegt, wie man bei
Mbah Surip
sehen kann. Bei internationalen Hits beschränkt man sich
überwiegend auf ältere
Sachen und dort in der Regel auf „Sunshine-Reggae“.
Aber immerhin ist das ein
Anfang und spätestens mit der Popularität von Mbah
Surip, dürfte die Neugier
auf die internationale Reggaeszene weiter gewachsen sein.
Auch
im stark von Touristen frequentieren Kuta, am Südende von
Bali, ist der
Reggaefan nicht allein. Bob Marley findet man in vielen
Geschäften. Wer Freund
von Malereien ist, sollte dazu die entsprechenden Galerien aufsuchen.
Fast in
jeder Galerie wird man fündig. Da gibt es Bob Marley in allen
Schattierungen –
bunt oder schwarz-weiß, ernsthafte Bilder oder Karikaturen,
von der Miniausführung bis zum
riesigen Wandbild.
Sollte ein Reggaefan auch Surfer sein, ist das auch kein Problem
– die kleinen
Souvenirsurfbretter mit Bob Marley gibt es auch in der richtigen
Größe. Auch
die für einen Balibesuch unerlässlichen Sarongs
(traditionelles Wickeltuch –
für die meisten Tempelbesuche Pflicht), kann man mit allen
möglichen Rasta-
oder Bob Marley Motiven ganz billig erwerben (siehe z. B. hier).
Es
gibt sogar ein paar Rasta-Shops, wo sich der balinesische Fan mit
diversen Fanartikeln versorgen kann. Auf der Legian Straße in
Kuta existiert
mit dem Apache auch ein Lokal für den Reggaeliebhaber.
Täglich gegen 22:00 Uhr
ist dort Live-Musik angesagt. Wissen muss man dabei, dass dieses Lokal
zwei
verschiedene Bereiche hat. Der in Straßennähe
befindliche Lokalteil spielt auch
andere Musik. Also nicht vergraulen lassen und nach der Reggae-Bar im
Hinterhof
fragen, wo es auch noch einen kleinen Shop gibt.
Den
Gast erwartet dort eine schön ausgestaltete Themenkneipe. Bob
Marley wo
man geht und steht. Selbst der Weg zur Toilette bleibt nicht verschont.
Auch
das Personal ist so dekoriert, dass jedermann weiß
– hier gibt..s Reggae!
Eintritt ist frei, aber dafür ist das Bier hier etwas teurer
als anderswo.
Leider ist es viel zu dunkel um die interessante Ausstattung der
Location
richtig ansehen zu können.
Wir
kommen uns vor wie in einer Oase, hier gibt es tatsächlich
richtig gute
Reggaemusik. Wenn die gespielte Musik auch schon Jahrzehnte auf den
Buckel hat,
was den Reggaefan ja nicht unbedingt stören dürfte,
ist es trotzdem ein
willkommener Genuss und eine gute Abwechslung zu den anderen recht
lauten
Lokalen mit teilweiser unangenehmer Musik der westlichen
Hemisphäre. Dann doch
lieber strikt einheimische Musik hören oder ab in den
Hinterhof des Apache. Die
Legian-Straße kann am Abend recht unangenehm laut werden,
besonders im Bereich
der im Jahr 2002 verübten Bombenanschläge.
Im
Apache fühlt man sich allerdings geborgen und bekommt vom
übrigen
nächtlichen Rummel der Legian-Straße nichts mit.
Heutiger Gast des Abends ist Joni
Agung & Double T. Wir sehen dann tatsächlich
Dreadlocks auf balinesisch.
Musikalisch hat die Band einen unerwartet guten Klang. Gespielt wird
Bob
Marley, UB 40, Jimmy Cliff und andere Sachen aus früheren
Zeiten. Konsequent
nichts Neues und kaum eigene Sachen.
Joni
Agung & Double T in der Apache Reggae Bar
Auch
nach der Show wird mit der Musik aus der Konserve, diese Linie
konsequent fortgesetzt.
Trotzdem
ist hoch anzurechnen, dass man überhaupt einen Ort wie diesen
dort
finden kann, in einem Land, welches stark von Traditionen
geprägt ist, der
größte muslimische Staat der Welt ist (wobei Bali
überwiegend hinduistisch ist),
eher kaum Afrikaner anzutreffen sind und Drogenbesitz mit der
Todesstrafe enden
kann. Ganz erstaunlich, dass man da trotzdem vielerorts das Hanfblatt
in den
üblichen Reggaemotiven wieder findet. Für viele
Insulaner ist leider
„rot-gelb-grün“ in erster Linie nur
gleichbedeutend für Bob Marley und
Marihuana, wie wir immer wieder in Gesprächen erfahren
müssen. Das es aber
weit mehr ist, muss sich erst noch entwickeln. Obwohl man den Eindruck
nicht
ganz loswird, dass man bestimmte Dinge nur für die Touristen
kreiert hat,
dürfte der Reggae spätestens mit Mbah Surip
tatsächlich Einzug in die
indonesischen Ohren gefunden haben. R.I.P. Mbah Surip und vielen Dank,
dass du
für Reggae in Indonesien etwas mehr Interesse geweckt hast!
Hoffen wir, dass
die Reggae-Begeisterung in Bali weiterhin anhält und die Szene
weiteren Zulauf
bekommt.
Unter
nachfolgenden Links gibt es zwei Videos aus dem Apache, die ein paar
Eindrücke aus der Szene vermitteln: Link1
und Link2
Im Jahr 2006 gab es bereits in Kuta von Bali ein großes
Reggae-Festival mit
internationaler Beteiligung (siehe hier).
Leider findet man keine Informationen, ob es danach noch eine
Fortsetzung gab oder
geben wird.
By Reggaestory
Mein besonderer Dank für die Erlaubnis zur Einbindung der
Bilder von Mbah
Surip, geht an www.kapanlagi.com
und www.jakartadailyphoto.com.
Weiterhin
danke ich Marc und dessen Partnerin von www.blog.indonesia-portal.de,
für deren freundliche Genehmigung zur Verwendung von
Beitragsteilen zu Mbah Surip und
der deutschen Textübersetzung von „Tak
Gendong“.
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