Tiken
Jah Fakoly, gehört neben Alpha Blondy, Lucky Dube
und einigen anderen zu den besten Reggae Artists, die Afrika zu bieten
hat. African Revolution heißt sein neuestes Werk, welches
seit November 2010 zu haben ist. Dieses Album ist deutlich ruhiger als
seine Vorgänger. Auch die Reggae Komponente ist ein
Stück in den Hintergrund getreten. Seine Songs gehen eindeutig
mehr in Richtung afrikanische Musik. Man erkennt sofort woher sie
kommt. Perfekt inszeniert und dem Reggae beigemischt werden
traditionelle Instrumente wie Kora, Ngoni oder Belafon, wodurch sich
ein besonders beeindruckendes Klangbild ergibt.
Der Titelsong „African
Revolution“, „Marley Foley“,
„Sors De Ma Télé“ und
„Il Faut Se Lever“ sind die herausragenden Titel
des Albums, wenn man Tiken Jahs neuen Reggae Style erklären
will.
Während in seiner alten Heimat, der Elfenbeinküste,
der Bürgerkrieg tobt, und sich hoffentlich daraus eine
demokratische Weiterentwicklung ergibt, kämpft Tiken Jah
weltweit mit seiner Musik für ein besseres und vereintes
Afrika. Es sah eigentlich nicht schlecht für die vom
Bürgerkrieg zerrüttete Elfenbeinküste aus,
als man im November 2010 demokratische Wahlen nach mehrmaliger
Verschiebung abhielt. Den international anerkannten Wahlsieg von
Alassane Ouattara wollte Amtsinhaber Laurent Gbagbo nicht anerkennen
und ließ ihn vom Verfassungsgericht mit konstruierten
Begründungen aberkennen. So ging der Bürgerkrieg in
eine neue Runde und während Tiken Jah in Berlin eintrifft und
das Kesselhaus für den Reggae zurück erobern will,
hat Wahlsieger Alassane Ouattara den Präsidentenpalast mit dem
darin verschanzten Laurent Gbagbo umstellt. Aber der will nicht
weichen, obwohl inzwischen auch sein Chef der Streitkräfte,
General Philippe Mangou, samt seiner Frau und 5 Kinder verschwunden
sind. Die Chancen für ihn sind hoffungslos. Aber
zurück zu Tiken Jah, der den Bürgerkriegswirren zu
seiner eigenen Sicherheit entronnen ist und inzwischen seit 2003 ins
Exil nach Mali gegangen ist.
Tiken Jah Fakoly, ist ein direkter Nachfahre von Fakoly Koumba Fakoly
Daba. Dieser wiederum war der Heerführer von Sunjata Keita,
der im 14. Jahrhundert ein Großreich im Gebiet des heutigen
Mali und des Senegal kontrollierte. Tiken Jah Fakoly ist aber nur sein
Künstlername, bürgerlich heißt er
allerdings Doumbia Moussa Fakoly. Er wurde am 23.06.1968 in
Odienné, einem Dorf im Nordwesten der
Elfenbeinküste geboren. Seine ersten musikalischen Schritte
begann er im Jahr 1991 mit einer Band namens „Les
Djelys“. 1993 brachten sie ihr Debutwerk, eine Kassette mit 6
Liedern und dem Titel „Les Djelys“ heraus. 1994
folgte ein weitere Zusammenstellung mit 6 Stücken und dem
Titel „Missiri“. Richtig bekannt wurde Tiken Jah
Fakoly aber erst 1996 mit seinem Album
„Mangercratie“.
1999 folgten mit „Course d´histoire“ und
im Jahr 2000 mit „La
Caméléon“ das zweite und dritte Album.
Dazwischen, im Jahr 1998, hatte er in Paris seinen ersten Auftritt in
Europa. Aber erst mit seinem 2002 veröffentlichten Album
„Francafrique“ gelang Tiken Jah Fakoly sein
internationaler Durchbruch. Wesentlicher Inhalt seiner Texte waren
politische Kritiken an der Staatsführung diverser
afrikanischer Staaten. Einige dieser Staaten verboten seine Lieder. In
seiner Heimat war er seit dem immer häufiger Morddrohungen
ausgesetzt und verlor bereits einige seiner engsten Freunde. Der Gang
ins Exil war unvermeidlich und rettete ihm
höchstwahrscheinlich das Leben. Inzwischen hat Tiken Jah drei
weitere hervorragende Alben herausgebracht. „Coup De
Gueule“ (Oktober 2004), „The African“
(September 2007) und im November 2010 sein aktuelles Album
„African Revolution“.
Bild 1: Album Cover
„Francafrique “ - Februar 2002 (12 Tracks)
Bild 2: Album Cover „Coup De
Gueule“ – Oktober 2004 (12 Tracks)
Bild 3: Album Cover “The
African” – September 2007 (12 Tracks)
Bild 4: Album Cover:
“African Revolution” - November 2010 (12 Tracks)
Kürzlich besuchte Tiken Jah, während seiner
ausgedehnten „African Revolution Tour“, die sich
mit den meisten Stationen in Frankreich abspielte und noch abspielen
wird, auch Deutschland mit drei Stationen. Am 31.03.2011 ging es nach
Köln in die Live Music Hall, am 01.04.2011 ins Berliner
Kesselhaus der Kulturbrauerei und am 02.04.2011 in die Friedrich List
Halle nach Reutlingen.
Für uns war der Besuch der Berliner Kulturbrauerei das
Naheliegende. Tiken Jah und die Rückeroberung des Kesselhauses
für den Reggae, durften wir nicht verpassen. Seit dem Debakel
um das verpatzte Sizzla Konzert am 26.11.2009, war es um das Kesselhaus
sehr ruhig geworden, zumindest in Sachen guter internationaler Reggae.
Warum auch immer.
Unterstützend wirkten dabei mit das NuzzCom Music Office,
hauptverantwortlich für Promotion, Trinity Music als
örtlicher Veranstalter und für das örtliche
Tourmanagement F-Cat
Productions.
Nun ein paar Eindrücke des Tages in Berlin.
Für 15:40 Uhr, eine Zeit die genau austaxiert schien, sind wir
zu Tiken Jah ins Hotel eingeladen. Die Audienz beim Nachfahren des
großen Heerführers soll 20 Minuten dauern.
Überpünktlich sein ist unsere Devise, aber wir haben
die Rechnung ohne den Berliner Stadtverkehr gemacht. Immerhin ist auch
noch Freitag. Die Fahrt dauert sage und schreibe 40 Minuten
länger, als der Routenplaner ausgerechnet hat. Unsere ganze
Zeitreserve verrinnt im Berliner Zentrum und die Anspannung
wächst spürbar. Zu unserem Pech fahren wir auch noch
an dem unscheinbaren Hotel in Berlin Prenzlau vorbei. Wer setzt auch
den Hotelnamen in der gleichen Farbe wie die Fassade an die Wand, und
dann noch in einer Höhe, die man vom Auto aus nur sehr schwer
sieht? Wir sind weit übers Ziel hinausgeschossen, als wir die
ersten Passanten um Auskunft bitten. Junge Berliner, selbst Radfahrer
kennen sich natürlich nicht einmal auf der eigenen
Straße aus. Na Klasse! Die Erfahrung machen wir immer wieder,
dass junge Berliner nur in U-Bahn Stationen rechnen können.
Zum Glück gibt es aber auch noch ältere Bewohner, die
jedes Haus kennen, und wir erreichen doch noch fast auf den Punkt die
richtige Stelle. Zu allem Übel erfasst uns beim Verlassen des
Autos auch noch eine kräftige Windböe und erfasst
ausgerechnet die Blätter mit den Telefonkontakten des
persönlichen Managements von Tiken Jah. Im hohen Bogen fliegen
sie davon und treiben durch die Straße. Ich
überlasse es Marion und Madlen den Zetteln hinterher zu jagen.
Ich muss jetzt erst einmal so schnell wie möglich in die Lobby
des Hotels. Und tatsächlich, pünktlich auf die Minute
kommt Tiken Jah aus dem Aufzug und sondiert die Situation. Aber dann
ist doch alles ganz anders. Tiken Jah hat sich verspätet, zwar
nicht für uns, aber für den vorher angesetzten
Termin. So haben wir noch etwas Zeit und lassen die bisher vergeblich
Wartenden vor. Alle Termine verschieben sich um mindestens 20 Minuten.
Also ist es zum Glück doch nicht ganz so eng wie gedacht.
Es tut gut ganz entspannt zuzusehen und Tiken Jah auf sich wirken zu
lassen.
Als wir dann an der Reihe sind, wechseln wir erst einmal die
Räumlichkeit. In der Lobby ist es zu ungemütlich und
außerdem viel zu laut. Tiken Jah nimmt unseren Vorschlag
gerne an, und wir gehen in den leeren Speisesaal des Hotels. Hier ist
es bedeutend gemütlicher und Tiken Jah setzt sich an einen
sonnigen Platz, damit wir ihn auch besser aufnehmen können.
„Meine Fragen sind nicht so schwierig.“, sage ich
ihm schon einmal vorab, als er meine Notizen kurz ins Visier nimmt,
während ich die Kamera vorbereite. Er lacht und scheint
erleichtert. Unsere Vorgänger hatten ihn mächtig
gelöchert und nahezu eine großpolitische
Veranstaltung aus dem Interview gemacht. Ich beginne.
Reggaestory.de:
Hallo Tiken Jah, schön dich hier in Berlin zu treffen! Ist das
dein erstes Mal hier?
Tiken Jah:
Nein das ist nicht mein erstes Mal hier. Ich denke es war vor zwei
Jahren, da war ich in der gleichen Location, in der ich heute Abend
auftreten werde. Ich denke das ist heute mein viertes Mal, dass ich
hier in Berlin bin. Ich kam auch manchmal her um meine Alben zu
promoten.
Reggaestory.de:
Wie war dein Gig gestern in Köln?
Tiken Jah: Oh ja, großartig. Es war super. Wirklich
großartig. Die Leute waren toll drauf und ich war sehr
glücklich darüber.
Reggaestory.de:
Welche Länder besuchst du auf deiner jetzigen Tour?
Tiken Jah:
Jetzt ist Deutschland an der Reihe und nächste Woche gehe ich
nach London. Danach geht es zurück nach Frankreich. Im
Anschluss mache ich eine Woche Pause, bevor es wiederum für
ein paar Shows nach Frankreich geht. Bevor ich nach Deutschland kam,
war ich in Kanada.
Reggaestory.de:
Gegenwärtig lebst du in Mali. Was denkst du, wird Mali dein
neues Heimatland für immer sein, oder wird der Tag
für deine Rückkehr in die Elfenbeinküste
kommen?
Tiken Jah:
Nun ich denke Mali ist meine neue Heimat. Ich bin froh
darüber. Ich komme zwar ursprünglich aus der
Elfenbeinküste, aber meine Nationalität ist
Afrikaner. Es ist egal ob ich in der Elfenbeinküste, Mali oder
Ghana lebe. Es ist das Selbe für mich. Ich denke, Ghana ist
ein Land mit guter politischer Stabilität, guter Demokratie
und auch mit guter Sicherheit. Ich bin sehr froh darüber, in
einem Land wie diesem zu leben. Ich denke, es wäre keine gute
Idee zurück in die Elfenbeinküste zu gehen. Ich
müsste die Klappe halten, immer allein zu Hause bleiben und
ständig aufpassen, dass mir ja nichts passiert. Das kann ich
nicht. Ich glaube nicht, dass ein Tag meiner Rückkehr in die
Elfenbeinküste kommen wird. Es ist zu gefährlich
dort. Auch viel zu gefährlich für mich. Ich denke ich
werde im Mali bleiben.
Reggaestory.de:
Was ist deine Meinung über die „Back To Africa
Movement“ der jamaikanischen Rastas?
Tiken Jah: Nun ich denke, dass ist nicht so überraschend,
nicht überraschend für Jedermann. Die jamaikanischen
Leute kommen von Afrika. Und man kann sagen, die Rastafari Bewegung
kommt auch von Afrika. Bob Marley sagte einmal in einem
Interview:„Eines Tages kommen wir zurück nach
Afrika!“ Diese Prophezeiung realisiert sich jetzt. Wir haben
auch große Reggae Sänger wie Alpha Blondy, Lucky
Dube und andere, wir haben eine Menge Reggaekünstler in
Afrika. Die meisten von ihnen haben aber nicht das gleiche
Glück wie ich, so bekannt in Deutschland oder Frankreich zu
sein.
Wir haben jetzt viele Reggae Sänger und Rastas in Afrika
… (denkt nach). Die jamaikanischen Leute sagen wir kommen
von Afrika … (Pause) … es ist keine
Überraschung für mich, dass sie nun zurück
wollen.
Reggaestory.de:
Du bist kein Rasta. Ich habe gehört du bist Muslim. Hast du
manchmal daran gedacht von Muslim zu Rasta zu wechseln, oder war das
niemals eine Frage für dich?
Tiken Jah:
Ich denke, ich kann Muslim und Rasta sein. Rastafari bedeutet
für mich für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung zu
kämpfen. Wenn du dafür kämpfst bist du
Rasta. Wir müssen nicht schwarz, wir müssen nicht
weiß oder gelb zu sein, um für Gerechtigkeit und
Gleichberechtigung zu kämpfen. Du hast das in deinem Herzen.
Dafür muss man nicht wechseln. Reggae Musik ist die Musik der
Rastafari Bewegung und diese Musik kann auch die Musik für
alle Religionen sein. Denn alle Religionen wollen Frieden und Liebe,
Gerechtigkeit und Gleichberechtigung. Ich denke ich bin Rasta und
Muslim.
Reggaestory.de:
Wer ist dein Lieblings Reggae Künstler?
Tiken Jah: Weißt du, ich wurde sehr beeinflusst von Burning
Spear. Ich hörte ihn oft, viele Stunden lang, manchmal 12
Stunden hintereinander. In seiner Musik erzählt er
über die Geschichte, über die Geschichte von Afrika,
die Geschichte der Welt. Diese Mission hat mich sehr interessiert.
Denn man kann seine Wurzeln nicht verlassen. Ein Baum ohne Wurzeln
stirbt. Wir Afrikaner mögen unsere Geschichte. Die Zukunft
können wir nicht vorhersagen. Ja, Burning Spear hat mich
besonders geprägt und Bob Marley natürlich auch. Denn
Bob Marley ist der Prophet. Er ist der Führer und verbreitete
den Reggae über die ganze Welt. Er ist wie ein Botschafter
für uns.
Reggaestory.de:
Was kannst du mir noch über dich selber erzählen,
dein Haus und deine Familie? Bist du verheiratet, hast du Kinder
…? Was machst du in deiner Freizeit? Erzähle mir
einfach was du möchtest.
Tiken Jah:
Ich habe zwei Kinder und war verheiratet. Nun bin ich geschieden, aber
meine Kinder leben bei mir zu Hause. Wenn ich nicht unterwegs bin
beschäftige ich mich mit meinen Tieren. Ich habe einige Tiere
zu Hause. Keine gefährlichen, keine Löwen oder so
… (lacht), nur ein paar kleine Tiere. Ich habe auch zu Hause
mein Aufnahmestudio und darüber einen Reggae Club. Manchmal
mache ich dort auch einige Shows und treffe mich gerne mit den Leuten,
um mit ihnen zu reden.
Reggaestory.de:
Was sind deine Wünsche oder Ziele für die Zukunft?
Tiken Jah:
Meine Hoffnung ist, dass die afrikanischen Leute aufwachen. Niemand
verändert Afrika für uns. Wir müssen
zusammenkommen, wir müssen uns einig werden. Wir haben alle
Dinge in Afrika, die wir brauchen. Und der Okzident braucht die
fortgesetzte Entwicklung von Afrika. Wir brauchen ein vereintes Afrika.
Die Natur gibt uns all die Dinge die wir haben. Die Sonne scheint und
du bist glücklich.
In den meisten Teilen von Afrika scheint jeden Tag die Sonne. Wir haben
das Meer in den meisten Ländern, wir haben Platz zum
Häuser Bauen, wir haben Platz für Landwirtschaft
….
In Berlin ist es heutzutage sehr teuer eine Wohnung zu kaufen. Im Mali
kannst du mit dem Geld ein großes Haus bauen. Das bedeutet
Afrika ist die Zukunft. Afrika ist der Kontinent der Zukunft.
Ich hoffe die afrikanischen Leute wachen auf. Wir brauchen Einigkeit.
Dafür müssen wir zusammen kämpfen. Und ich
denke wir werden gewinnen. Wir kennen die Ökonomie und Politik
des Okzidents. Der Okzident braucht uns. Du kannst sagen, du
möchtest mein Kakao, du möchtest mein Kaffee, du
möchtest mein Gold, du möchtest meine Diamanten
– okay wir haben dir etwas zu verkaufen, aber nur zu diesem
Preis. In Mali, in Ghana, in Kenia oder irgendwo anders in Afrika,
… es sollte überall gleich sein.
Mein Traum und meine Hoffung ist, dass sich Afrika vereinigt.
Dafür kämpfe ich jeden Tag mit meiner Musik. Reggaestory.de:
Letzte Frage. Möchtest du noch selber ein paar Worte zu den
Lesern dieses Interviews oder den Leuten in Deutschland sagen?
Tiken Jah:
Nun ich möchte ihnen sagen, sie müssen versuchen
Afrika besser kennenzulernen. Afrika ist nicht nur das, was sie im
Fernsehen sehen. Afrika ist ein Kontinent in der Entwicklung. Wir
kommen aus der Sklaverei. Über 400 Jahre Sklaverei und dann
Kolonialisierung für lange Zeit. Wir hatten bisher nur
ungefähr 50 Jahre Zeit ein eigenes Land aufzubauen. Wir sind
noch sehr jung. Wir brauchen noch ein klein wenig Zeit, um vielleicht
zu werden wie Deutschland heute ist.
Denn Deutschland hat in seiner Entwicklung und der Entstehung der
Demokratie, vielleicht mehr als 100 Jahre Zeit gehabt, Amerika
vielleicht sogar über 200 Jahre. Wir hatten bisher gerade
einmal 50 Jahre. Wir brauchen Zeit zu lernen wie man eine Demokratie
aufbauen kann. Ich bin hier um den Leuten zu erzählen, dass
Afrikas Geschichte nicht erst mit der Sklaverei und der
Kolonialisierung begann. Bevor die ersten fremden Leute der
Industrienationen nach Afrika kamen, hatten wir unsere eigenen
Zivilisationen, wir hatten Königreiche, wir hatten unsere
Gesellschaft, wir hatten unsere Medizin, wir wussten was zu tun ist
wenn man krank ist und viele andere Dinge. Als die neue Zivilisation
kam, brachte sie großes Leid in unsere Zivilisation und
zerstörte sie. Ich denke jedermann muss wissern, Afrika kommt
wieder, Afrika ist im Entwicklungsprozess. Und unsere Rolle, unsere
Mission in dieser Situation ist, die Leute wach zu rütteln und
zu einen.
Reggaestory.de:
Vielen Dank für deine Zeit und das Interview. Ich
wünsche dir alles Gute für die Zukunft.
Tiken Jah bedankt sich und wir gehen zum lockeren Teil des Treffens
über. Wir liegen gut in der Zeit.
Dann für Tiken Jah überraschend und offensichtlich
sehr erleichternd, eine Frage auf Französisch von Madlen:
„Ist es für dich schwierig in Englisch zu
reden?“ „Ja es ist sehr schwierig für
mich. Ich versuche es aber immer. Manchmal habe ich leider nicht die
Wahl. Ich muss es mehr anwenden.“, bekennt Tiken Jah.
„Für mich ist es auch sehr schwierig, aber in
Französisch zu reden.“, darauf Madlen. „Ja
aber die Worte die du kennst, klingen gut.“, lobt Tiken Jah.
„Oh, du hast alle meine Alben!“, freut sich Tiken
Jah, als ich ihm die Cover vorlege und er sich daran macht unsere
Signierwünsche zu erfüllen. Danach noch schnell ein
paar persönliche Fotos, und unser Plan ist
schließlich abgearbeitet.
Wir verabschieden uns und machen uns zufrieden auf den Weg in freudiger
Erwartung auf das abendliche Konzert im Kesselhaus. Während
Tiken Jah seinen nächsten Termin wahrnimmt, ein Interview mit
der Vertreterin eines Radiosenders, winkt er uns noch einmal lachend
durch die Scheibe, als wir vor dem Hotel vorbeigehen. Wir haben Tiken
Jah als überaus freundlichen, sehr ruhigen und zuvorkommenden
Menschen kennengelernt. Es war uns ein besonderes Erlebnis ihn
persönlich treffen zu dürfen.
Schnitt
– Es ist 21:00 Uhr – Show Time im Kesselhaus
Vor dem Eingang ist mächtiges Gedränge. Das Konzert
scheint ein voller Erfolg zu werden.
Auch drinnen ist es schon mächtig eng geworden. Der Easy Skankin
Sound ist schon dabei den Kessel
vorzuwärmen. Filou, den man auch vom Berlin
Boom Orchestra her kennt, rockt die Massive.
Bild 1 + 2: Filou vom Easy Skankin Sound
Wir
haben großes Glück noch nach vorne zu kommen, so
dicht stehen schon die Fans. Der Bühnenaufbau hinter dem Easy
Skankin Sound ist recht gewaltig. Als dann später Tiken Jah
angekündigt wird und die dazugehörige Band ihren
Platz einnimmt, beginnt das Klangerlebnis der besonderen Art. Ich
zähle neun Musiker auf der Bühne. Zwei Keyboarder,
drei Bläser, ein Drummer, zwei Gitarristen und ein Mann an der
Kora. Weiterhin zwei Backgroundsängerrinnen. Die Band spielt
sich kurz mit einem Intro ein und schließlich beginnt Tiken
Jah seine Show mit dem Hit „Francafrique“.
Zwölf Leute auf der Bühne, was für ein
Sound!
Offizielles Video:
"Francafrique"
Tiken Jah tritt wie immer im traditionellen afrikanischen Gewand
auf. Auch die Farbe ist fast wie immer in Braun- und
Beigetönen gehalten. Dazu hohe braune Wildlederschuhe mit
rot-gelb-grünen Schnürsenkeln. Ich habe ihn noch nie
ohne diese Schnürsenkel auf der Bühne gesehen. Mit
einem roten Schweißband am Handgelenk zollt er Che Guevara
Respekt. Als Markenzeichen und einfaches Schmuckstück darf
auch sein silberner Afrikaanhänger nicht fehlen, den er in
seine Dreads eingeflochten hat. Als weiteren Schmuck trägt er
nur noch einen einfachen silbernen Ring, sowie eine dünne
traditionelle rot-gelb-grüne Perlenkette, mit braunen ovalen
Zwischenstücken, die aus Samen oder Holz bestehen.
Er setzt fort mit „Danga“ und „Viens
Voir“, bevor er mit „Sors De Ma
Télé“ seinen ersten Hit vom neuen Album
„African Revolution“ präsentiert. Sein
Koraspieler, der gleich mit drei dieser Instrumente angetreten ist,
verleiht dem Ganzen eine besondere Note. Die Verbindung von Reggae mit
der Kora ist ein kleiner Traum. Anders als auf dem Album tritt hier
jedoch der Reggae nicht ganz so weit in den Hintergrund. Die Massive
ist begeistert und fasziniert.
Weiter geht es mit
„Ayebada“ und "L´Africain" von
„The African“, bevor mit „Vieux
Pére“ von „African Revolution“
ein etwas ruhiger Titel folgt. Aber dann geht es weiter Schlag auf
Schlag mit Knallern der Extraklasse. „Alou Maye“
von „Coup De Gueule“ und der Titelsong
„African Revolution“ vom aktuellen Album. Es folgen
„Ouvrez Les Frontieres“ und
„Soldier“ vom Album „The
African“ – nicht viel weniger schön. Und
immer ist das wunderschöne Spiel der Kora zu hören,
die heute überall dabei ist und so auch ältere Titel
im völlig neuen Glanz erstrahlen lässt.
Als nächstes gibt´s ein ausgedehntes Medley, welches
nahezu alle weiteren Hits vom Album „Francafrique“
und „Quitte Le Pouvoir“ von „Coup De
Gueule“ enthält. Ein tolles Programm.
Offizielles
Video: "Le
Pays Va Mal" von "Francafrique"
Dann geht Tiken Jah in den Akustik Teil der Show. Sein Gewand hat er
abgelegt und es kommt ein dunkles T-Shirt mit seinem Namen und dem
Titel des aktuellen Albums zum Vorschein. Er nimmt Platz auf einem
Hocker und beginnt mit „Votez“, ein
wunderschöner und ruhiger Titel, wiederum vom neuen Album
„African Revolution“.
Man fühlt sich fast
versetzt nach Kuba oder in die Domrep. Dieser Titel klingt so gar nicht
nach Reggae oder Afrika. Die Fans sind begeistert. Tiken Jah muss immer
wieder nach unten sehen und lacht sich in den Bart hinein. Er kann
offenbar nicht so direkt seine Freude zeigen. Es bleibt noch weiter ein
wenig ruhig mit „Je Dis Non“, bevor es mit
„Plus Rien Ne M´Étonne“ wieder
ein wenig rhythmischer wird.
Offizielles
Video: "Je
Dis Non" von "African Revolution"
Offizielles
Video:
"Plus Rien Ne M´Étonne" von
"Coup De Gueule"
Dann kommen die
Backgroundsängerinnen zu ihrem persönlichen Einsatz.
Mit „Political War“ von „African
Revolution“ gibt es ein wunderschönes und ruhiges
Duett mit einer der beiden Sängerinnen, deren Namen ich leider
nicht mehr in Erfahrung bringen konnte. Asa, die auf dem Album diesen
Part übernimmt, dürfte es sicher nicht sein. Die
andere Sängerin brilliert danach mit einer Solo Tanzeinlage,
nur leider viel zu kurz.
Dann kurze Pause und Beifall ohne Pause.
Jetzt geht es in die nächste Runde und dem Höhepunkt
entgegen. Tiken Jah hat ein neues traditionelles Gewand angelegt.
„Delivrance“ von
„Francafrique“, „Les Martyrs“
von „Cours D´Historie“ und dann das
unbeschreibliche „Il Faut Se Lever“ von
„African Revolution“. Man muss es einfach live
gehört haben. Auf dem Album ist dieser Track zwar auch einer
der besten, aber was man hier zu hören bekommt ist um
Längen besser. Kräftiger Reggae Sound wie selten
gehört und dazu eingewoben das immer weiter vorwärts
treibende Koraspiel. Der Titel möge nur nicht so schnell
enden. Ich erwische mich beim Schließen der Augen, dass
passiert mir äußerst selten. Aber ich bin nicht
allein damit.
Ich glaube behaupten zu können, dass dies nicht
nur für mich das beste Stück des Abends ist. Dann
leider das unvermeidliche Ende, was zu erwarten war nach einem Titel
wie diesem.
Aber Tiken Jah kann nicht anders und muss noch einmal zurück
auf die Bühne. Wir alle sind zu gut mit unserem Jubel. Es
lässt einfach nicht nach.
Es gibt darauf noch zwei Zugaben bevor er dann endgültig
hinter der Bühne verschwindet. Die Gitarristen kommen nach
vorn und legen noch lachend ein gemeinsames Solo hin, bevor die Musik
im Jubel untergeht und sich nachfolgend alle Beteiligten am
Bühnenrand vor dem Publikum verneigen.
Zwei Stunden mit Tiken Jah Fakoly sind zu Ende gegangen.
Fazit:
Der neue musikalische Style von Tiken Jah ist ein völlig
anderer Genuss als früher und besser als je zuvor, inklusive
der älteren Stücke. Es war die richtige Entscheidung
von ihm, es so zu tun wie er es mit dem neuen Album getan hat.
Allerdings war die Live Präsentation noch ein ganzes
Stück besser als das Album. Ein kleiner Tick mehr
kräftiger Reggae Sound. Man darf gespannt sein, wie es in der
Zukunft weiter geht.
Und – hoffen wir, dass das Kesselhaus
wieder öfter solch großen Reggae Artists und deren
Fans die Möglichkeit gibt, gemeinsam und friedlich ihre Musik
zu feiern.
Copyright: Text und Fotos
by Reggaestory
Mein besonderer Dank geht an Lucia Zimara von NuzzCom, Susann Treubrodt
und Marita Fabiunke von Trinity, Guillaume Dupuis vom
Künstlermanagement, Kati Takacs und Oliver Arnold von F-Cat
und natürlich ganz besonders an Tiken Jah Fakoly.
Nachsatz:
Am 11.04.2011 endet vorerst der blutige Machtkampf in der
Elfenbeinküste. Der abgewählte Präsident
Laurent Gbagbo, wurde in seiner Residenz von den
„Republikanischen Truppen“ des Wahlsiegers Alassane
Ouattara überwältigt und festgenommen.
Weiterhin seine Familie und einige Kollaborateure. In Abidjan brach
nach Beendigung des Militäreinsatzes ein Freudentaumel auf
den Straßen aus. In den letzten Tagen hatte sich der
größte Teil der Bevölkerung in ihren
Wohnungen verbarrikadiert.