Teil 14
31.07.2008 – Black River – Belmont –
Little Bay – Negril
Unser
zeitig bestelltes Frühstück ist leider wieder nicht
zur Stelle. Erst nachdem wir eine ganze Weile auffällig durchs
Haus klappern, kommt Pauline mit müden Blicken angeschlurft.
Dafür ist Brian schon wieder mächtig mit wienern am
Auto beschäftigt. Jedes noch so kleine Krümelchen
wird aus den Ritzen gelockt und aufgesaugt.
Die Katze des Hauses liegt auf
„ihrem“ schwarz-gelben Stuhl in der Morgensonne und
schaut recht mies gelaunt, wegen Brians lautem Staubsauger, vor sich
hin.
Als unser Frühstück serviert ist, trifft auch schon
Gabi ein, die sich für unseren Abschied extra schick gemacht
hat. „Wo ist Herman?“, will ich wissen.
„Der müsste eigentlich auch schon da
sein.“, ist Gabi überzeugt. Wir suchen nach ihm.
Tatsächlich sitzt Herman draußen auf der
Bordsteinkante und achtet peinlichst darauf, nur nicht das
Grundstück des Guesthouses zu betreten. Da kann man nichts
machen. Herman möchte sich noch einmal mit unserem Fotoalbum
befassen, und ich hole es ihm. Jetzt bei hellem Tageslicht klappt es
besser mit den Augen. Das kenne ich nur zu gut aus eigener Erfahrung.
An der Sache mit der Lesebrille für Herman werden wir
dranbleiben. Er wird sich schon irgendwann überzeugen lassen
müssen. Heute sucht er sich Cocoa Tea und Michael Rose aus.
„Kein Problem, nimm dir ruhig was du möchtest. Ich
kann mir neue Abzüge machen.“, gebe ich ihm zu
verstehen. Eines unserer Reggae News Magazine (RNM), mit meinem Bericht
zu Lee Perry und Culture, gebe ich ihm auch noch dazu. Zum Dank singt
uns Herman noch ein paar Lieder. Hört sich gut an –
nur nervt immer noch Brians Staubsauger im Hintergrund. Ich
möchte das aufnehmen und gebe Brian ein Zeichen, dass er doch
bitte mal pausieren soll. Aber Herman ist trotzdem noch nicht zufrieden
damit.
Es gibt immer noch zu viele Nebengeräusche. „Nein
das ist nicht gut. Komm wir gehen an den Strand. Ich singe dort noch
einmal.“, sagt Herman und macht sich schon auf den Weg.
Bild 1 + 2: Herman
Ein schönes Plätzchen ist schnell gefunden und Herman
wiederholt das Ganze. Er ist voll zufrieden und lächelt:
„Jetzt ist es besser. Viel klarer!“ Er hat
natürlich vollkommen recht. Auch mit dem Meeresrauschen im
Hintergrund und der schönen Natur am Strand, ist mein Film nun
doppelt schön. Jetzt müsste man nur noch das Ganze
mit einem passenden Riddim hinterlegen und zusammen schneiden. Das
wäre die Überraschung für Herman. Mal sehen
ob uns da später was gelingt.
Als wir wieder am Guesthouse eintreffen, werden wir schon vermisst.
Unser Gepäck ist schon in Brians Auto verschwunden.
„Wo kommt ihr denn her?“, will Gabi wissen, und ich
berichte von unserem Ausflug. „Das kenn ich. Was denkst du
wie oft Herman an unserem Haus Dinge aufgebaut und wieder abgebaut hat,
nur weil er der Meinung war, dass etwas nicht so ganz gelungen sei. Zum
Schluss wollte er das ganze Haus wieder einreißen, aber dass
war mir dann doch schließlich zu viel und es steht jetzt noch
so wie damals.“
Dann ist schließlich der Zeitpunkt gekommen und wir
müssen leider los. Es war schön hier in Billys Bay.
Anders als in St. Margaret´s Bay fällt uns hier der
Abschied schon etwas schwerer. „Komm her und hab dich nicht
so!“, sagt Gabi resolut, zieht mich an sich und umarmt uns
der Reihe nach zum Abschied. Mit dem Versprechen, dass wir uns ganz
sicher wieder sehen werden, steigen wir dann schließlich in
Brians Auto. Gabi und Herman verschwinden winkend in der Ferne, bis die
Staubfahne unseres Wagens und die nächste Kurve uns die Sicht
nehmen.
Wir sind spät dran, viel später als wir eigentlich
wollten. Aber gut, unser Tagesplan dürfte auch so zu schaffen
sein. Unser erster Halt soll in Black River sein. Dort werden wir nur
kurz ein paar Erinnerungen bei einem Ortspaziergang auffrischen.
Frisches Bargeld brauchen wir auch noch.
Bild 1 - 3: Black River
Black River ist ein viel besuchter Touristenort. Ursache ist der
gleichnamige Fluss, der hier ins Meer mündet. Mit seinen rund
70 Kilometern Länge, ist er der längste Fluss
Jamaicas und wird für Bootsausflüge genutzt. Es lockt
die Sumpf- und Mangrovenlandschaft, mit vielen Vogelarten und ein paar
frei lebenden Krokodilen. Angeblich soll es von den seit 1971 unter
Schutz gestellten Krokodilen, inzwischen wieder über 300
Exemplare geben. Als wir im Jahre 1999 hier waren, hatten wir eher noch
den Eindruck, dass jedes Krokodil einen Namen hat und jeden Bootsfahrer
kennt. Auch die Vögel waren überwiegend an der
Bootsanlegestelle und nicht auf unserer Bootstour. Wer schon
anderenorts eine ähnliche Bootsfahrt mit Mangrovendschungel
unternommen hat, muss sich nicht grämen, wenn er diesen Punkt
nicht auf die Reihe bekommt.
Als wir in Black River eintreffen, hallen aus jeder Straße
und an jeder Ecke die aktuellen Reggaeknaller der Insel. Da ist kein
Dance oder so – nur eben aus purer Freude an der Musik.
Große Boxen oder gar Boxentürme stehen auf dem
Fußweg und die Strippen verschwinden irgendwo im Nirgendwo.
Auch die mobilen Varianten in oder auf Autos, sind mehrfach vertreten.
Irgendwie klappt es aber, dass sie sich nicht gegenseitig
übertönen. Die richtige Lautstärke und
Entfernung haben die offenbar schon ausgetestet. Mein Fotografierdrang
wird beim ersten Versuch schon ausgebremst. Von irgendwo aus dem
Gewühle kommt natürlich sofort einer angerannt und
beschwert sich. Also schnell weiter bevor es ungemütlich wird
und weg mit der Kamera.
Zuerst wollen wir erst einmal etwas frisches
Geld eintauschen. Brian zeigt uns die Bank, in der man fast erfriert,
so kalt ist das Klima dort eingestellt. Die Menschenschlangen an den
Schaltern reichen bis zur Tür, was uns auch nicht gerade
gefällt. Brian schaut sowieso schon die ganze Zeit recht
ungläubig drein. „Warum wollt ihr unbedingt auf der
Bank euer Geld umtauschen? Da gibt es viel schnellere
Möglichkeiten und günstigere Kurse!“,
versucht er uns glaubhaft zu machen. „Wir wollen einen
100-Euro-Scheck eintauschen und nicht nur Geld wechseln. Geht denn das
auch?“, frage ich ihn. „Alles kein
Problem!“, meint Brian und hat schon wieder die Tür
in der Gegenrichtung passiert. Es wird zwar immer vor
Straßenhändlern gewarnt, aber wir vertrauen Brians
Orts- und Personenkenntnis. Und tatsächlich, alles kein
Problem und der Wechselkurs ist tatsächlich ein ganzes
Stück besser. In paar Minuten ist die Sache erledigt und wir
können unseren kleinen Ortspaziergang fortsetzen. Wir haben
nichts Besonderes vor, wollen nur ein paar Eindrücke sammeln
und unsere Erinnerungen auffrischen. So sind wir relativ schnell wieder
am Auto und setzen unsere Fahrt fort.
Es geht weiter auf der
Küstenstraße A2 in Richtung Savanna La-Mar und
Negril. Am Ortsausgang von Black River können wir noch kurz
einen Blick auf das Invercauld
Great House werfen. Das schöne alte
Holzgebäude im viktorianischen Stil aus dem Jahre 1889 oder
1894 (es gibt widersprüchliche Angaben) sieht
unverändert aus und beherbergt ein Hotel, in dem wir bei
unserer letzten Reise übernachtet hatten. Die meisten Zimmer
befinden sich allerdings in neueren Gebäuden, die sich
dahinter auf dem großen Grundstück befinden. Im
historischen Hauptgebäude findet man nur die Rezeption, ein
paar Souvenirs und historische Ausstellungsstücke. So war es
zumindest während unserem früheren Aufenthalt dort.
Heute fahren wir nur daran vorbei und wollen nicht noch einmal extra
anhalten.
Nächster Halt ist in Belmont eingeplant. Bis dahin haben wir
noch ungefähr 30 Kilometer vor uns. Belmont ist ein kleines
Dorf mit hauptsächlich Fischern, Farmern und ein paar
Holzschnitzern. Aber das ist nicht der Grund unseres Besuches dort.
Reggaelegende Peter Tosh, der leider am 11. September 1987 ermordet
bzw. geradezu hingerichtet worden ist, wurde dort geboren. Nach seinem
Tode wurde auf dem Grundstück in Belmont ein Mausoleum
für ihn errichtet. Noch heute leben seine Eltern auf diesem
riesigen Grundstück inmitten einem Stück
wunderschöner Natur. Weitere Informationen zu Peter Tosh
findet ihr hier. Als
wir in Belmont eintreffen
sind wir natürlich erst einmal am Tosh-Grundstück
vorbei gefahren. Zu unscheinbar ist das Schild am
Straßenrand, wenn man nicht genau weiß wo es ist.
Bild 1 - 3: Belmont - Peter Tosh Memorial
Garden
Bild 1:
Unscheinbares Hinweisschild am Straßenrand
Bild 2 + 3:
Auffällige Torflügel des Eingangstores zum Peter Tosh
Memorial Garden
Also geht es wieder zurück. „Welcome To Peter Tosh
Memorial Garden“ begrüßt uns ein
schön bemaltes Holzschild mit Kolibri und Ganjablatt. Wir
fahren durch ein geöffnetes großes weißes
Holztor mit wellenförmigen oberem Abschluss. Da Peter Tosh ein
großer Kämpfer für die Legalisierung des
Krautes von Salomons Grab war, darf natürlich der
entsprechende Hinweis mit der Torbemalung nicht fehlen. Ein
Stück den Weg hinauf steht gleich ein ganzes Beet voll mit den
heiligen Pflanzen, was uns dann doch etwas überrascht
– so dicht an der Straße.
Legalize It
Links gegenüber steht das kleine Mausoleum, vergleichbar mit
der Größe einer kleinen PKW-Garage. Davor sitzen ein
paar Rastas und hören all die Hits von Peter Tosh, die laut
über das Grundstück hallen.
Bild 1 + 2: Peter Tosh Mausoleum
Eine wunderbare Atmosphäre herrscht hier. Kein Stress und auch
keine Abzockerbanden wie in Nine Mile vor dem Marley
Grundstück. Alle sind hier ruhig und gelassen. Selbst den
Eintritt sollen wir noch nicht bezahlen und uns erst einmal ganz in
Ruhe alles ansehen.
Johnny Be Good
Die Farben rot-gelb-grün sind am und im Mausoleum
allgegenwärtig. Auch in den Bleiverglasungen der kleinen
Rundbogenfenster finden sich die Farben wieder. Auf dem
rot-gelb-grün bemalten Betonsarkophag liegt Peters
Kristallkugel, ein paar getrocknete Ganjastengel und eine Tüte
voll mit entsprechenden Samen für die nächste
Aussaat. Ein Pfeifenkopf von Peter, ein Konzertposter von einem
Gedenkkonzert aus dem Jahr 2007, alte Fotos, diverser Schmuck, CD-s,
Videokassetten und eine Rastafahne liegen ebenfalls noch darauf.
Bild 1 - 3: Im Inneren des Peter Tosh
Mausoleums
Man ist schon ein wenig aufgewühlt und bedrückt, wenn
man an diesem Ort steht. Durch meine Gedanken hallen noch die
Schüsse von seiner Ermordung in Kingston, die man im
Dokumentarfilm „Stepping Razor“ in Szene gesetzt,
geradezu hilflos miterleben kann. Für Reggae- und Peter Tosh
Fans ist dieser Film ein Muss. Der Film ist bereits 1992 entstanden und
wird seit 04.11.2005 auch mit deutschen Untertiteln als DVD vertrieben.
Hier ein Review
zum Film.
In 2005 wurde während der Werbekampagne zwar zu den deutschen
Untertiteln immer die Formulierung „erstmalig“
verwendet, hat dabei aber offenbar vergessen, dass man dies bereits im
Jahr 1997 im Fernsehprogramm von ARTE so erleben konnte.
Rastafari Is
Dann gehen wir ein Stück weiter das Grundstück hinauf
und besuchen die Eltern von Peter Tosh.
Das Haus hat auf der einen Seite einen ebenerdig liegenden und frei
zugänglichen überdachten Bereich, wo die Familie ein
paar Shirts, Mützen und andere Dinge zum Kauf anbietet.
Daneben führt eine Treppe hinauf zur kleinen Veranda des
Hauses. Peters Eltern haben es sich dort bequem gemacht und
heißen uns willkommen. Für Alvera Coke, Peters
Mutter, habe ich ein paar Bilder von ihrem Enkels Andrew dabei. Wir
hatten seinen gemeinsamen Auftritt mit Luciano beim Summerjam 2006
miterleben können. Es ist eine wahre Freude, wenn man
hören kann, dass Peter Tosh´s Stimme in seinem Sohn
weiter lebt. Andrews 2004-er Album „Andrew Sings Tosh
– He Never Died“, ist wirklich gut gelungen. Es
fehlt nicht viel, und man könnte fast glauben, Peters Stimme
zu hören. Alvera bedankt sich. „Ich werde sie ihm
geben, wenn er wieder einmal hier ist.“, sagt sie leise.
Bild 1 - 3: Wohnhaus der Familie Tosh Bild 3: Alvera Coke, Peters Mutter,
mit Lebenspartner
Es ist schon ein wenig
bedrückend, wenn man die Beiden auf ihre alten Tage so sitzen
sieht, immer mit dem Mausoleum ihres einzigen Sohnes vor Augen. Ob
dabei die Musik ein wenig Trost spendet oder ständig die alten
Wunden des Verlustes offen hält, ist schwer zu sagen.
Danach gehen wir mit dem Guide des Grundstücks noch weiter in
die Natur den Hang hinauf. Die Musik ist wegen der Ferne etwas leiser
geworden, aber immer noch allgegenwärtig.
Equal Rights &
Downpressor Man
Zwischen den
Bäumen erscheint ein weiteres großes Ganja-Beet.
„Gibt es denn deswegen keine Probleme mit der
Polizei?“, will ich von unserem Begleiter wissen.
„Nein überhaupt nicht.“,
schüttelt er mit dem Kopf „Das ist auf diesem
Grundstück genehmigt und damit legal, wegen Peters Mausoleum
und dem Museumsstatus hier.“, ergänzt er. Die
Pflanzen sind noch nicht groß, aber deren bezeichnender Duft
ist schon deutlich zu bemerken.
Bild 1 + 2: Die kleine Tosh Plantage
Wir schlendern wieder langsam den Pfad hinunter in Richtung Mausoleum,
entrichten unseren Obolus nebst Trinkgeld und verabschieden uns. Auch
unser Fahrer Brian ist sichtlich zufrieden. Er hat diesen Ort bisher
noch nicht besucht und dadurch ebenfalls dazugelernt.
Wer das Tosh Mausoleum auf seiner künftigen Reiseroute
ebenfalls einplanen möchte und diesbezüglich noch
eine Übernachtung im unmittelbarem Umfeld benötigt,
sollte sich beim Nature Roots
Cottage in Belmont, einmal umsehen.
Es geht weiter in Richtung Negril. Je näher wir an Negril
herankommen, umso mehr Werbetafeln säumen den Weg, die
bevorstehende Events ankündigen. Die kommenden Tage werden
groß gefeiert in Negril. Zum bevorstehenden Wochenende ist
erst einmal das „Emancipation Weekend“ (01. + 02.
August) angekündigt. Da wird die Abschaffung der Sklaverei
kräftig gefeiert, auf dass Negril in der Nacht kein Auge zutun
können wird. Am kommenden Mittwoch, den 6. August, geht es
gleich weiter mit dem „Independence Day“, an dem
die jamaikanische Unabhängigkeit begangen wird. Angaben in
diversen Reiseführern, dass dies immer am ersten Montag im
August geschieht, entsprechen nicht der Realität. Leider
werden für diese Tage bisher nicht die richtigen Reggae
Artists angekündigt. Zumindest nicht für uns.
Außer Dancehall und Hip Hop wird es wohl in Negril nichts
Anderes geben. Elephant Man, Konshens und Busy Signal sind die einzigen
bekannten Namen, die wir entdecken können. Leider sind die
auch nicht unbedingt unser Ding. Wenigstens begrüßt
uns wie zum Trost Edge Michael mit einer schönen
Willkommenstafel in Savanna La-Mar. Es ist erst ein paar Monate her als
wir Edge Michael in Deutschland getroffen haben. Für ihn
werden wir auf alle Fälle noch einen Besuch einplanen.
Immerhin ist er in Negril zuhause und leicht für uns zu
erreichen. Edge Michael, der eigentlich Mark Durloo heißt,
ist der Neffe von Reggae-Legende Peter Tosh und der Sohn von Peters
jüngerer Schwester Melzeta McIntosh. Aber zurück zum
eigentlichen Geschehen.
Bild 1 + 2: Werbetafeln in Savanna La-Mar
Nächste Station soll das sogenannte „Bob Marley
House“ in Little Bay sein. Little Bay ist ein kleines
Fischerdorf südöstlich von Negril und liegt abseits
der gut ausgebauten Strasse A2. Ein Stück hinter Little London
führt eine schmale Straße nach Süden in
Richtung Little Bay. Wir sind gespannt, was wir vorfinden werden. Auf
unserer Karte ist der Ort gar nicht eingezeichnet, sondern nur die
Bucht an der er liegen soll. Auf der richtigen Route bewegen wir uns
aber. Ein paar ältere Leute die am Wegesrand in einem
schattigen Unterstand vor sich hindösen, winken uns weiter.
„Ja ja, zum Bob Marley House geht es hier lang.“
Die Strecke wird immer unpassierbarer, nach dem wir ein
größeres und offenbar gut betuchtes Anwesen im
Busch, hinter uns gelassen haben. Das Interesse für eine
halbwegs annehmbare Straße, reichte offenbar nur bis zum
Einflusskreis dieses Grundstückseigentümers.
Große Steine ragen aus der Piste, tiefe Spurrinnen
und
von Niederschlägen ausgespülte Gräben sind
nun an der Tagesordnung. Die Strecke kommt uns reichlich lang vor
– länger als es uns die Karte vermuten
lässt. Ein einsamer Radfahrer bestätigt uns aber
wiederum, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Dann geht es bergab.
Brian drückt auf die Bremse und hält erst einmal an.
Eine Bedenkpause ist angesagt. Vor uns liegt ein Hang, der wohl eher
für einen Jeep geeignet wäre. Wir wollen aussteigen
und hinunter laufen, damit das Auto nicht so tief liegt. Aber Brian
lässt uns nicht. „No problem! Das schaffen wir
schon!“, sagt er überzeugt. Langsam schaukeln und
schrammen wir kreuz und quer den Berg hinunter. Wir beißen
die Zähne zusammen. Dass nur das Auto keinen Schaden nimmt!
Dann ist es geschafft, und unten angekommen ist die Straße
wieder etwas besser. Dann sehen wir irgendwann tatsächlich das
Meer und Little Bay ist erreicht. Ein kleines traditionelles und sehr
ruhiges Fischerdorf begrüßt uns. Ein paar Boote
liegen ruhig im flachen Wasser vor einem feinsandigen hellen Strand.
Besucher dürften hier eher die Seltenheit sein. Wir fragen
einen Korbmacher am Straßenrand nach unserem Ziel.
„Ja das ist richtig hier. Fahrt mal dem Motorrad hinterher,
es wird euch hinbringen!“, zeigt er auf zwei Youth, die
sofort ihre Karre anwerfen und in einer Staubwolke verschwinden.
„Und kommt auf dem Rückweg mal in meine
Werkstatt!“, ruft er uns noch hinterher. Wir müssen
uns sputen. Das Motorrad macht nicht den Anschein, als wolle es auf uns
warten und verschwindet bald in der Ferne. Für einen PKW ist
die Strecke einfach nicht so schnell zu nehmen. Nach ein paar
Kilometern kommen uns die ersten Zweifel und Brian wendet. Das Motorrad
ist inzwischen nicht mehr zu sehen und wir glauben nicht mehr an dessen
Führungswillen. Wir fahren zurück nach Little Bay.
Bild 1 - 4: Little Bay
Im Schatten eines Baumes vor einer kleinen Hütte sitzen ein
paar Leute, die wir erneut nach dem Bob Marley House fragen. Wir haben
schon wieder einmal unsägliches Glück und treffen auf
Fabian Tringle, der doch tatsächlich sein Haus unmittelbar
neben dem gesuchten Grundstück hat. Das Grundstück
mit dem Bob Marley House gehörte früher seinem
Großvater und ist nun im Besitz seiner Tante. Bob Marley der
das Haus um das Jahr 1972 gebaut haben soll, hat wohl nur eine
Anzahlung geleistet, aber das Grundstück nie voll erworben. So
zumindest die Ausführungen von Fabian. Wir machen uns also
wieder auf den Weg in die Richtung, wo wir gerade hergekommen sind, nur
nicht so weit. Fabian führt uns über sein
Grundstück mit einem modernen Haus zu einer Lücke im
Zaun. Dahinter befindet sich nahezu undurchdringlicher Busch,
durchsetzt mit riesigen Felsbrocken und Wasserlöchern. Wir
klettern und hangeln eine ganze Weile durchs Gestrüpp und
können kaum glauben, dass hier noch etwas kommen soll. Dann
endlich Meeresrauschen und eine frische Brise. Das Bob Marley House
kommt ins Sichtfeld.
Bild 1 - 4: Das versteckte Bob Marley House Bild 4: Brian und Fabian diskutieren
über die Zukunft des Hauses
Wir sehen ein mit Schilf gedecktes rotbraunes Holzhaus, welches auf
Pfählen über dem steinigen Küstenstreifen
thront. Der Zustand ist erschütternd. Die schönen
Zeiten sind vorbei, als Bob Marley hier mit einer seiner zahlreichen
Liebschaften lebte. An diesem Ort war es Jamaicas
Schönheitskönigin Esther Anderson, die auch als
Photograph und Filmproduzentin bekannt geworden ist. Mehr zu Ester
Anderson kann man hier
nachlesen. In dieser Zeit ist auch „Talkin Blues“
mit der Textzeile „Cold ground was my bed last
night“ entstanden. Böse Zungen witzeln dazu, dass
ihn Esther wohl aus dem Bett geworfen habe. Jetzt kann man sich
allerdings auch nicht mehr gefahrlos im Haus bewegen. Überall
sind Löcher in den Dielen, Treppenstufen fehlen, die Fenster
und Türen sind längst alle zerbrochen und durch das
Dach kann ungehindert jeder Regen eindringen. Noch ein paar Hurrikane
und das Bob Marley House ist Geschichte. Schade drum. Man
könnte hier ganz sicher ein neues Touristenziel schaffen. Wenn
ich diese Zeilen schreibe ist es vielleicht schon zu spät
dafür.
Bild 1 - 3: Bob Marley House Bild 2: Marion, Madlen und Fabian Bild 3: Deutlich erkennbar die
Kennzeichnungen für die durchgeführten
Katalogisierungsarbeiten, für die ursprünglich
geplante Umsetzung
Im Haus kann man
überall Zahlen und Markierungen an jedem Brett und jedem
Balken finden. Fabian erzählt dazu, dass Rita Marley das Haus
gewinnträchtig verkaufen wollte, obwohl es niemals
vollständig in den Marley Besitz übergegangen sei.
Das Haus sollte in England wieder aufgebaut und dort als Museum
eingerichtet werden. Die Vermesser und Katalogisierer waren schon vor
Ort, bis sich die örtlichen Behörden eingeschalten
und den Abbau untersagt haben. Die Rechtslage und weitere
Verfahrensweise ist bis heute ungeklärt und die Reste des
Hauses modern zielstrebig vor sich hin. Einerseits macht Jamaica kein
Geld für den Erhalt des Anwesens locker und andererseits wird
die Sanierung durch Investoren verhindert. So zumindest ist die Absicht
von
Rita Marley, das Haus außer Landes zu schaffen, ein wenig
nachvollziehbar. Aber egal wie
der Streit ausgeht, wenn es noch lange dauert wird es bald nichts mehr
geben, worüber man sich streiten kann. Fabians Familie hat
jedenfalls keine Möglichkeiten das Haus zu erhalten oder zu
sanieren. Ein Verkauf wäre dann doch die bessere
Lösung. Ein wenig bedrückt von dem Gesehenen machen
wir uns auf den Rückweg. Im Dschungel zeigt uns Fabian noch
eine Höhle in der glasklares Quellwasser schimmert. Vielleicht
groß genug um ein paar kleine Runden zu schwimmen. Am Eingang
hängt ein starkes Seil mit vielen Knoten um den Abstieg zu
vereinfachen. „Hier ist Bob immer zum baden und relaxen
hergekommen. Das war einer seiner Lieblingsplätze, wo er auch
meditiert und über neue Musikstücke nachgedacht
hat.“, weiß Fabian zu berichten.
Bild 1 + 2: Bob´s
Badehöhle
Dann fahren wir mit Fabian wieder zurück an unseren
Treffpunkt. Gut, dass wir ihn getroffen haben.
Wir hätten ohne ihn das Haus wohl nie gefunden und die
Hintergrundinformationen erst recht nicht bekommen. Wir bedanken uns
noch einmal für seine Hilfe und drücken ihm ein
wohlverdientes Trinkgeld in die Hand, welches er nicht einmal verlangt
hat. Abseits der Touristenpfade ist die Welt eben noch in Ordnung.
Bild 1 + 2: Haus in Little Bay mit Marcus
Garvey Bild
Damit ist unser
Tagesplan abgearbeitet
und es kann ohne weiteren Aufenthalt in Richtung Negril gehen. Dort
erwarten uns für die nächsten Tage nur noch
Sorglosigkeit und
ein wenig Luxus. Nach zwei Wochen Abenteuer wollen wir uns auch ein
wenig verwöhnen lassen. Das heißt natürlich
nicht, dass
wir nun nichts mehr erleben oder unternehmen werden. Dafür
sind
wir ganz einfach nicht gemacht. Ganz sicher wird uns noch das eine oder
andere Erlebnis über den Weg laufen, auch wenn wir es nicht
suchen.
Nach der holprigen Rückfahrt durch den Busch bis zur
Küstenstraße, ist es dann nicht mehr weit bis
Negril. Unser
Ziel ist das Hotel Merril´s
II Beach Resort.
Wir kennen das Hotel schon von früher und haben es uns
einerseits
wegen dem guten Preis-Leistungs-Verhältnis und andererseits
wegen
der Lage ausgesucht. Eine gute Lage deshalb, da es sich genau zwischen
zwei der bekannten Strandlocations befindet, wo es ab und zu
Reggaekonzerte gibt. Auf der einen Seite ist das „De
Buss“
und auf der anderen Seite „Alfred´s“.
Beide Locations
sind mit einem maximal 10-minütigen Strandspaziergang zu
erreichen. Besser geht es nicht. All Inclusive gibt es dort
für
unsere restliche Zeit. Außer unserem persönlichen
Tagesablauf wird also alles geregelt sein.
Es ist noch am frühen Nachmittag. Nach dem Einchecken und dem
Zimmerbezug, an dem ich mich vorerst nicht weiter beteilige, suche ich
mir mit Brian ein schönes Plätzchen auf der
Strandterrasse.
Brian macht sich keine Sorgen und beteiligt sich
großzügig
an dem All Inclusive Angebot der Bar.
Es tut gut, ein kühles Bierchen nach dem anderen zu bechern.
Nun
Brian ist alt genug und muss selber wissen, was er sich als Kraftfahrer
leisten kann. Ganz entspannt quasseln wir noch ein reichliches
Stündchen, bevor sich dann Brian auf den Weg machen will.
Marion
und Madlen sind gerade zur rechten Zeit mit dem Zimmer fertig geworden,
und wir können uns noch gemeinsam einen weiteren kleinen
Abschiedstrunk genehmigen. „Bis zum nächsten Mal
dann!“ Brian begibt sich in Richtung Rezeption zu seinem
Auto.
Hoffentlich geht alles gut! 100 USD haben uns dieser Tag und die Fahrt
mit Brian gekostet. Wir sind zufrieden. Brian war uns ein guter
Begleiter und Freund geworden, was sich auf sein zusätzliches
Trinkgeld natürlich auswirkt.
Jetzt noch einmal schnell unter die Dusche, in frische Strandklamotten
schlüpfen und es kann zum ersten Erkundungsgang gehen. Der
Strand
ist so schön wie früher, obwohl einer der
vorangegangenen
Hurrikane stellenweise etwas Strand ins Meer geholt haben soll. In
unserem Bereich ist aber nichts davon zu bemerken. Uns interessieren
vor allen Dingen erst einmal die Werbeplakate. Wo ist die kommenden
Tage etwas los? Oder vielleicht schon heute? Nur nichts verpassen! Wir
bewegen uns allerdings im Kreise. Außer dem was wir schon
wissen,
ist nichts in Erfahrung zu bringen. Selbst die Einheimischen
widersprechen sich. Jeder weiß etwas anderes oder gar
überhaupt nichts. Irgendwo soll Anthony B auftreten, nur
keiner
kennt den Ort. Andere schauen mich ungläubig an oder zucken
mit
den Schultern, als ich nach Reggae-Events frage. Sind wir wirklich in
Jamaica oder ist gerade Negril eine Ansammlung von
Außerirdischen? Das Line-Up des morgigen Emancipation-Days
hat
offenbar allen Reggae und den Verstand gleich mit, aus Negril
vertrieben. Überall nur Red-Bull und Hip Hop Partys. Na das
kann
ja heiter werden.