LEE
SCRATCH PERRY & MAD PROFESSOR
12.04.2018 - YAAM BERLIN
Auch nach seinem 82. Geburtstag im vergangenen
März, setzt sich der Großmeister des Reggae und Dub
noch nicht zur Ruhe. Erst im Januar war er mit dem Subatomic Sound
System und seinem
aktuellen Album "Super Ape Returns To Conquer" in den USA und
Kanada auf Tour.
Seit 31. März war er nun mit Mad Professor in Europa
unterwegs. Der Startschuss fiel in Kroatien und weitere Shows fanden in
Serbien, Slowenien, Schweden, Holland und Deutschland statt. Am 12.
April fand die von Roughmind organisierte und betreute Tour
im Berliner YAAM ihr Ende. Dieses Mal stand die Tour ganz im Zeichen
des Dub mit einer Prise
Techno. Und LSP wäre
nicht LSP, wenn alles so wie auf den Alben klingen würde. Da
war Lee Perry kreativ wie
immer.
Kräftigen Einfluss auf die letzten Auftritte von Lee Perry
übte natürlich sein letztes 2017er Erfolgsalbum
"Super Ape Returns To Conquer" aus. Besonders einschlagend wirkt dabei
das neu aufgewärmte "Zion´s Blood" vom 1976er "Super
Ape" Album. Genau so gut könnte man natürlich auch
noch viele andere Sachen aus Lee Perry´s nahezu
bodenloser Schatzkiste in dieser Weise aufwärmen. Zusammen mit
dem New Yorker
Subatomic Sound System hat er jedenfalls den richtigen Nerv getroffen,
was mächtig Appetit auf mehr macht. Hoffentlich kommt da noch
was nach, bevor sich Lee zur Ruhe setzt. Da aber Lee´s Mutter
schon über 100 Jahre alt geworden ist, wie wir in Volker
Schaners Kinofilm "Vision
Of Paradise" erfahren durften, sind wir eigentlich
guter Hoffnung.
Aber kommen wir nun ins Berliner YAAM, wo die letzte Europatour mit Lee
Perry und Mad Professor ihren Abschluss fand. Neben Berlin gab es noch
drei weitere Termine in Deutschland, die sich auf Rostock,
Köln und Wiesbaden beschränkten.
Zum letzten Mal war Lee Perry in 2014 im YAAM und 2016 im Berliner
Postbahnhof zu Gast. Damals wie heute, ist das YAAM wieder einmal
ausverkauft. Als Backing Band fungierten beide Male die White Belly
Rats. Heute wird er nun allein mit Mad Professor auf der Bühne
stehen und eine Soundsystemshow absolvieren. Mit Mad Professor war er
zuletzt in 2012 in Berlin, damals im Columbia Club, aber immerhin noch
mit den Robotiks als Backing Band zur Unterstützung. Heute
haben es Lee Perry und Mad Professor sogar ohne Backing Band geschafft,
um für ein ausverkauftes YAAM zu sorgen. Die Info macht schon
seit ein paar Tagen die Runde und raubt allen Kurzentschlossenen die
Hoffung, noch ein paar Karten an der Abendkasse zu bekommen. Aber wie
immer gibt es auch Leute die sich andersherum entscheiden. Zumindest
werden wir auf dem Weg zur Konzerthalle mehrfach angesprochen, ob wir
noch Karten benötigen. Selbst beim Eintritt zum
YAAM-Gelände lässt man uns in diesem Sinne unverhofft
an einem "Wachhäuschen" stramm stehen, was uns doch etwas
befremdet. Seit wann muss man sich schon oben an der Straße
anmelden, wenn man auf´s öffentliche
Gelände möchte? Unsere Frage bleibt unbeantwortet und
die Standpauke der Jungs irgendwie nicht nachvollziehbar.
Aber lassen wir uns nicht den Abend vergrämen und warten in
der Konzerhalle des YAAM auf die Hauptakteure des Abends.
Gegen 22:00 Uhr ist es schließlich so weit und der erste
Jubel wird laut, als Mad Professor seine Stellung bezieht und sich auf
die Show vorbereitet. Als nächste Amtshandlung werden in
langer Reihe ein paar Kerzen und Teelichter angezündet. Ja bei
Lee Perry muss es eigentlich fast immer irgendwo räuchern oder
etwas Feuer im Spiel sein. Jetzt müsste eigentlich noch jemand
Lee´s Koffer auf die Bühne bringen. Dafür
sorgt der Meister aber dieses Mal selbst und stellt ihn
während seines ersten Songs vor Mad Professors Pult.
Live
Video: Lee
Perry & Mad Professor - 1/7 - Wait A Minute
Wie man es von Lee Perry gewöhnt ist, gibt es wieder ein bunt
ausgeschmücktes Outfit. Sein heutiges Spacecap, wie er seine
selbst umgestalteten Basecaps nennt, trägt heute einen
großen klaren Kristall und einen Frosch, auf der mit einem
Spiegel abgedeckten Oberseite.
Vorn leidet Jesus am Kreuze in Gesellschaft von Tutanchamun´s
Totenmaske, einem großen violetten Kristall, einem metallenen
kirchlichen Würdenträger aus Warschau und ein paar
Aufnäher mit dem "Upsetter
Fire Rescue Squad" Logo. Die Aufnäher wurden
anlässlich von Lee Perry´s Studiobrand vom
03.12.2015 herausgegeben. Dazu sind auch noch T-Shirts im Angebot. Mit
dem Erlös soll Lee Perry wegen seine durch den Brand
erlittenen Verluste unterstützt werden.
Live
Video: Lee
Perry & Mad Professor - 2/7 - Open Door
Unter einem schweren Mantel trägt Lee ein T-Shirt mit einem
Löwen und sich selbst. Zumindest trägt die in der Art
eines alten äthiopischen Kriegers dargestellte Person einen
Umhang, der mit einer LSP-Brosche zusammengehalten wird. Ein
großer Spliff im Mund und die Gesichtszüge der Figur
lassen darüber hinaus keinen Zweifel zu. Weiterhin gibt es
keinen Lee Perry ohne zahlreiche Ketten, Armbänder und Ringe
aus den verschiedensten Materialien. Darunter eine Kette mit
Löwenkopf und roten Augen, ein keltisches Kreuz mit der
Aufschrift Irland und ein Sechseckstern mit dem Bildnis von Haile
Selassie. Was seine Ringe betrifft, die wie fast immer nur die Daumen
aussparen, sind wir etwas verwirrt. Noch nie hat er sich in den letzten
Jahren von seinen alten schweren Silberringen getrennt, die unter
anderem das Antlitz von Haile Selassie und den Lion of Judah trugen.
Nach seinem Studiobrand hatte er sie noch. Die heutigen acht Ringe
zeigen einen schwarzen Löwenkopf, eine silberne Kobra, einen
Silberring mit Lapislazuli, einen Silberring mit einem blauen
Katzenauge, einen silbernen mit Malteserkreuz, einen goldenen
mit Indianerkopf und Jaguarmaske und zwei weitere silberne Ringe mit
Verzierungen.
Live
Video: Lee
Perry & Mad Professor - 3/7 - Soul Fire
Was seine roten Magic Boots betrifft, ist Lee Perry noch nicht an seine
alte Gestaltungsform herangekommen. Sie wirken etwas
unfertig oder stehen offenbar erst am Anfang ihrer Metamorphose. Seine
alten
Kunstwerke sind leider ein Opfer der Flammen geworden und bis heute
nicht wieder so recht auferstanden. Ein mit allerlei Zierrat
ergänztes Mikro, von Lee Magic Mic genannt, darf
natürlich auch nicht fehlen.
Dazu gehören ein Bild des Lion of Judah und eines des
gekrönten Haile Selassie auf rot-gelb-grünen Grund,
diverse bunte Schmucksteine die an einem Armband oder einer Kette
befestigt sind und von Lee um das Mikro gewickelt worden sind.
Schließlich ist er heute noch auf die Idee gekommen sich mit
blauer Farbe eine "Kriegsbemalung" ins Gesicht zu kleistern und dann
seine Finger im eigentlich rot eingefärbten Bart abzuwischen.
So recht hat es aber nicht geholfen, denn die Finger seiner rechten
Hand
sind noch immer völlig blau. ;-)
Man könnte noch eine Weile fortfahren, um alle Details von
Lee´s Outfit zu beschreiben. Aber für weitere
Entdeckungen gibt es ja noch genügend Fotos und Videos.
Live
Video: Lee
Perry & Mad Professor - 4/7 - The Groove
Heute hat Lee Perry seinen eigenen "Mundschenk" im Team, der mit dem
einschenken kaum hinterher kommt. Ständig gibt Lee Zeichen und
deutet auf sein leeres Glas. "I drink some water.", so des
öfters
sein Kommentar. Nunja, ... wer´s glaubt. Ich kann zumindest
ganz
deutlich eine andere Farbe im Glas erkennen, was eher auf Champagner
schließen lässt. ;-)
Weiterhin ständig im Einsatz ist sein Sensi Seed Feuerzeug,
mit
dem er zwischen seinen Texten immer wieder mehr oder weniger
erfolgreich versucht sich eine anzustecken oder gar das Mikro
anwärmt. Der Meister wird wissen warum. Immerhin erzeugt er
auch oft ganz bewusst Rückkopplungen
zwischen Mikro
und Monitor und baut das Ergebnis in seine Performance ein. Wenn es um
Effektideen geht, ist Lee Perry schon immer äußerst
kreativ.
Live
Video: Lee
Perry & Mad Professor - 5/7 - Chase The Devil
Sehr kreativ ist wohl auch ein anwesender Fan gewesen, den Lee Perry zu
sich winkt, damit er an seinen Magic Boots etwas richten soll.
Eigentlich ist doch alles am rechten Platz. Lee wollte sicher nur das
Kunstwerk seines Fans begutachten. Der Hut könnte glatt aus
Lee´s Spacecap-Kollektion sein. Aber dazu ist er fast zu
perfekt gemacht. ;-)
Live
Video: Lee
Perry & Mad Professor - 6/7 - Zion´s Blood
Am Bühnenrand stehen zwei der Filmschaffenden von "Vision Of
Paradise", die Lee gerade entdeckt hat und begrüßt.
Regisseur und Autor
Volker Schaner hat natürlich eine der Grafiken aus dem Film,
in der Gestalt einer Sonne, auf seinem Shirt. Die aus Rumänien
stammende und inzwischen in Deutschland wirkende Designerin
Maria Sargarodschi ist für diese Sonne und alle anderen
Malereien des Kinofilms verantwortlich. Lee Perry lässt es
sich natürlich nicht nehmen Maria dem Publikum vorzustellen.
Live
Video: Lee
Perry & Mad Professor - 7/7 - Natural Mystic
Nach dem Highlight "Zion´s Blood" und einigen Bob Marley
Stücken, geht es schließlich in die Endrunde. Etwas
Techno Sound gibt es auch noch auf die Ohren, auf den wir allerdings
hätten verzichten können. Lee hat eigentlich so
unglaublich viele Hits, die sich an dieser Stelle viel besser gemacht
hätten. Aber was will man machen. Als letzten Song
gibt´s Lee Perry´s Version von "Soul Rebel", die
wir auf dem 1998 von Lee Perry und Mad Professor auf Ariwa
veröffentlichten Album "Dub Fire" finden können. Ein
schön passender Abschiedssong, zu dem Lee Perry auch noch in
den Fotograben hinabsteigt und für etwas Tumult in den ersten
Reihen sorgt.
Einige machen sich einen Spaß daraus, Lee erst einmal eine
Graspfeife zu verpassen, die aus der Ferne wie eine
überdimensionale Tüte aussieht. Lee nimmt das Angebot
an und sorgt für allgemeine Heiterkeit. Nach dem Pfeifchen und
Lee´s Rückzug auf die Bühne, hat er sich
eine Frau ausgesucht, die mit auf die Bühne soll. So
recht begeistert ist sie nicht davon. Was soll sie dort auch machen?
Lee ist je nicht gerade der Tänzer, mit dem es eine Einlage zu
präsentieren gäbe. Sie probiert es trotzdem, ...
leider
ohne Erfolg. ;-)
So geht auch diese Show von Lee Perry zu Ende und der Meister
verabschiedet sich. Auch
Mad Professor schickt seine letzten Dubs in die Halle und packt
zusammen. Bevor er geht, hat er aber noch ein paar Geschenke zu
verteilen. Wer keines davon gefangen hat und sich trotzdem
dafür interessiert, kann ja das Albumcover anklicken und
offiziell bestellen.
Backstage treffen wir auf einen total entspannten Lee Perry, der wie
immer eine magische Anziehungskraft auf alle Anwesenden und deren
Kameras und Handys ausübt. Das dauert natürlich
geraume Zeit, bis jeder seine Fotos im Kasten hat. Lee sucht sich dazu
einen geeigneten Platz im Backstage, rückt einen Stuhl am
Klavier zurecht und posiert in Engelsgeduld, bis wirklich der letzte
der Gäste keinen Wunsch mehr offen hat.
Maria Sargarodschi, Lee Scratch Perry und Volker Schaner.
Irgendwie kann ich mich wieder nicht bei der Bildauswahl entscheiden,
und es werden sicher wieder viel zu viele. Ich kann Volker Schaner ganz
gut verstehen, der zur Arbeit am Film gesagt hat: "... die Auswahl zum
Film war natürlich eine
Folter, ...". Mir geht es schon bei einem Bericht so.
Für
alle Lee Perry Fans, die den Kinofilm verpasst haben, gibt es diesen
inzwischen als Blu-ray oder auch normale DVD. Einfach das Cover
anklicken und bestellen. Wie Volker Schaner verrät,
könnte es im nächsten Jahr schon einen weiteren Film
mit Lee Perry geben. Dieser soll sich dann mehr auf die Musik
konzentrieren. Die Finanzierung des zweiten Projektes hängt
aber noch von der Refinanzierung des ersten Projektes ab, die leider
noch nicht erfolgt ist. Also liebe Fans, unterstützt die
Filmemacher und tragt mit dem Kauf der DVD zum Start der
Filmfortsetzung bei.
Weiterhin möchten wir auf den Merchandise-Shop
verweisen, der
für alle Perry-Fanatiker bestimmt das richtige Souvenir im
Angebot hat. Auch damit unterstützt ihr die noch in Planung
befindlichen Projekte. Leider ist der Shop noch im Aufbau und steht zur
Veröffentlichung
dieses Beitrages noch nicht zur Verfügung.
Einfach den
Seiteninhaber immer wieder anfragen und so etwas nerven. ;-)
Volker Schaner sagt zum künftigen Film: "Nachdem der erste
Film
"Lee Scratch Perry’s Vision Of Paradise - The movie that
explains
everything" hiess,
heisst der 2te Film "Lee Scratch Perry’s Vision Of Paradise -
Part
II - Totally Crazy: The movie that explains nothing". Der Film wird
weltweit exklusiv nur über die eigene Website www.visionofparadise.de
zu sehen sein."
Die Fotosession mit Lee läuft derweil ohne Ende weiter.
Dazwischen werden natürlich auch zahlreiche Cover
signiert. Dabei muss man auch mit der einen oder anderen
Überraschung rechnen. Ob der Besitzer des kostbaren "Return Of
The Super Ape" Albums gewollt hätte, dass Lee an Stelle einer
Signatur den Affen auf dem Cover rosa ausmalt, bleibt dahin gestellt.
Dann wiederum hat jemand Lee einen nicht wasserfesten Goldstift
untergejubelt, der für weitere Missgeschicke auf
anderen Covern sorgt. Unser "Super Ape Returns To Conquer"
können wir ja noch einmal kaufen und auf die nächste
Gelegenheit warten, aber die Leute mit den alten Platten haben da eher
schlechtere Karten. :-(
Bei all dem Interesse für Lee Perry, wird Mad Professor von
den
Anwesenden fast
ganz vergessen. Neil Joseph Stephen Fraser, alias Mad Professor, ist
natürlich eine wichtige Persönlichkeit, die sich
schon seit zirka 40 Jahren in der Entwicklung des Reggae und Dub
verdient gemacht hat. Mit seinen bisher über 130
veröffentlichten Alben, gehört er zu den wichtigsten
Produzenten des Reggae und Dub der 2. Generation. Einige herausragende
Alben mit Lee Perry wie "Mystic Warrior", "Black Ark Experryments",
"Who Put The Voodoo Pon Reggae" und andere, gehören
natürlich auch dazu.
Zu Mad Professor gäbe es ja noch einiges zu
berichten aber für heute beenden wir erst einmal
unseren Bericht aus dem Berliner YAAM. Irgendwann kommen wir ganz
sicher noch einmal darauf zurück, ... wenn wir ihn mal ohne
Lee erwischen. ;-)
Auf Wiedersehen bis zum nächsten Mal!
Copyright:
www.reggaestory.de
Text + Videokamera: Peter Joachim
Fotos: Marion + Peter Joachim
Mein Dank geht an Kamil von Roughmind, an Volker von Fufoofilm, an das
YAAM Team und natürlich ganz besonders an Lee Perry und Mad
Professor.