SONIC
PLURIVERSE FESTIVAL: BASS CULTURES
LINTON KWESI JOHNSON + QUEEN OMEGA
27.06.2025 - HAUS DER KULTUREN DER WELT - BERLIN
In der Zeit vom 27. Juni bis 2. August 2025
fand im HKW Berlin die dritte Ausgabe des Sonic Pluriverse Festivals
statt. Dieses Mal unter dem Titel "Bass Cultures". In dem
vielfältigen Programm ging es um Bass, Beats und Geschichten
des Widerstands und der Solidarität, verpackt in Konzerte,
Lesungen, DJ-Sets, Workshops und vieles mehr.
Das
Festival erkundete die Kultur der Soundsystems als globales
Phänomen. Von satten Reggae-Beats bis zu
wuchtigen Dubstep-Drops verknüpfte das umfangreiche
Programm (siehe linke Randspalte) Erfahrungen, Dialoge und
Soundpraktiken im internationalen Austausch.
Wir haben uns zwei Tage aus dem Programmangebot herausgepickt und
möchten an dieser Stelle unsere Eindrücke vermitteln.
Wir beginnen mit dem ersten Tag des Festivals, an dem Linton Kwesi
Johnson als erster Künstler mit einer Lesung den
Programmreigen eröffnet. Gefolgt von einem Konzert mit Queen
Omega. Eine Woche später werden wir noch einmal nach Berlin
reisen, um das Konzert der Bassistin Manou Gallo und den nachfolgenden
The Congos zu besuchen.
Doch zunächst zum Eröffnungstag des Festivals.
Als wir nach 19:00 Uhr eintreffen, hat Linton Kwesi Jonson leider schon
ein paar Verse hinter sich gebracht. Ein Stau auf der Autobahn hatte
uns auf eine eigentlich sehr günstig gelegene
Landstraße verschlagen. Dort hatte man aber vergessen eine
Ampel der aktuellen Verkehrssituation anzupassen, und so gab es den
nächsten Stau. Unsere Schlange musste immer wieder vor der
roten Ampel an einer leeren Kreuzung warten, was unsere Anfahrt
letztendlich
über eine Stunde verlängerte. So groß
hatten wir unser Zeitpolster natürlich nicht geplant.
Wir sind froh Linton Kwesi Johnson, dennoch in einer angemessenen
Länge anhören zu können.
Die Paulette Nardal Terrasse des HKW ist gut gefüllt, was wir
bei einer
Lesung nicht unbedingt vermutet hätten. Aber das Publikum hat
sowieso
seine Songs im Kopf und man sieht bei dem einen oder anderen
Zuhörer
deutlich, wie er sich im gewohnten Takt der Songs bewegt, die hinter
vielen der vorgetragenen Poeme stehen.
Als Vorlage hat Linton Kwesi Johnson seine in 2006 beim "Penguin Books
Ltd" veröffentlichten "Selected Poems" mitgebracht. Das Buch
ist in englischer Sprache auch heute noch im Handel zu bekommen.
Die Gedichteauswahl enthält klassische frühe
Gedichte wie "Inglan is a Bitch", "New Craas Massakah" oder
"Sonny's Lettah", aber auch neuere Werke aus über vier
Jahrzehnten seiner Dichtkunst.
Linton Kwesi Johnson trägt aber nicht nur seine Gedichte vor,
sondern erzählt auch einige Geschichten, die sich um die
Entstehung
dieser Verse ranken, was natürlich von besonderem Interesse
für die Zuhörer ist. Nach jedem Gedicht gibt es
ausgiebigen
Applaus auf der Paulette Nardal Terrasse. "Ihr müsst nicht
jedes
Mal klatschen.", wehrt Linton Kwesi Johnson mit einem bescheidenen
Lächeln ab. Darauf hört natürlich niemand.
Linton Kwesi Johnson wurde am 24. August 1952 in Chapelton auf Jamaika
geboren. Mit elf Jahren wanderte er nach Großbritannien aus
und kam so nach London, wo bereits seine Mutter lebte. In der
Secondary School schloss er sich bereits 1970 der englischen Black
Panther Bewegung an. Nach der Schule arbeitete er kurz als
Verwaltungsangestellter in der Kirche, sowie beim Greater London
Council. Im Jahr 1973 begann er am Londoner Goldsmith College ein
Soziologiestudium und veröffentliche erste Texte in einer
Zeitung. Ein Jahr später veröffentlichte er bereits
mit "Voices of the Living and the Dead" seinen ersten Gedichtband. 1975
folgte mit "Dread, Beat & Blood" seine zweite Textsammlung und
er erfuhr damit erste Anerkennung. Als Redakteur
der Zeitschrift Race Today, konnte er seit den 1970er Jahren
für die Verbreitung afrikanischer, afroamerikanischer und
afrokaribischer Stimmen in England sorgen. 1977 erhielt Linton Kwesi
Johnson das Cecil-Day-Lewis-Stipendium. Ein Jahr
später veröffentlichte er beim britischen Label
Virgin sein erstes Album "Dread, Beat & Blood", mit demselben
Titel wie sein zweites Buch.
Ja und der Rest ist Geschichte. Weitere Platten und Bücher
folgten und festigten seinen Ruf als bedeutende britische Stimme des
englischen Reggae und Dub-Poetry.
Seine Platten
gehören weltweit zu den gefragten Reggae-Alben.
Ausgedehnte Konzerttourneen mit der Dennis Bovell Dub Band
führten ihn durch Afrika, Asien, Amerika und Europa. Linton
Kwesi Johnson versteht seine Poesie und Musik immer als Mittel des
politischen und kulturellen Kampfes, die er mit
Wortgewandtheit und Humor unter seinen Zuhörern weltweit
verbreitet.
Live Video:
Linton Kwesi Johnson - Ausschnitte aus der Buchlesung
Es gibt natürlich einige Fans, die Platten, Bücher
und CDs mitgebracht haben und nach der Lesung auf ein Autogramm hoffen.
Die Fangemeinde hat Glück, dass Linton Kwesi Johnson Raucher
ist und nach einer Weile aus dem Miriam Makeba Auditorium heraustritt,
welches als erweiterter Backstage genutzt wird. Schnell hat sich eine
disziplinierte Schlange gebildet und Linton Kwesi Johnson muss erst
einmal auf den Genuss seiner Zigarette verzichten, um diese abarbeiten
zu
können.
Mit unserer 1980er CD "Bass Culture" sorgen wir ein wenig für
Überraschung bei Linton, da diese schon eine Widmung seines
langjährigen Weggefährten Dennis Bovell
von der Dub Band trägt, als würde sie zum Cover
gehören. Auf
der anderen Seite der Treppe ist aber noch Platz für Linton
Kwesi Johnson, der sich für einen Poeten reichlich knapp bei
seiner Signierung hält. Wir versuchen es noch einmal, um ihn
auf einem weißen Blatt Papier für ein paar "Words Of
Wisdom" überreden zu können, aber Linton wiederholt
nur lächelnd unser Ansinnen, hält kurz inne und hat
leider keine Idee. Das hat
uns dann doch etwas überrascht.
Wir schauen noch eine Weile zu, bis sich Linton Kwesi Johnson
schließlich von den Fans verabschiedet. Kurz darauf kehrt er
aber zurück und kann dann doch noch in Ruhe seine
Zigarette rauchen.
Auf der Bühne sind inzwischen die Vorbereitungen für
Queen Omega und The Royal Souls nahezu abgeschlossen. Nur noch ein paar
letzte Soundchecks und der Beginn der Show wird mit einer
entsprechenden Laudatio angekündigt.
Queen Omega & The Royal Souls verbindet Reggae, Calypso, Soca,
Jazz und Soul zu einem beeindruckenden Hörerlebnis. Die
wenigen Male, die wir sie bisher gesehen haben, waren stets
mitreißend. Dabei immer ihre Haare in einem Turban
verhüllt und mit besonders auffälligem karibischen
Bühnenoutfit. Heute scheint sie in ihrer Show, mit ihrer durch
Mark und Bein gehenden Stimme, noch eine
Schippe draufgelegt zu haben und ist kaum zu bremsen. Für uns
der bisher beste Auftritt, den wir gesehen haben.
Und damit alles so gut klingt, wie es klingen soll, geben die Musiker
von der Royal Souls Band ihr Bestes. Die Musiker sind im Einzelnen
David Dub Akom
(Drums), Thierry Lechauve
(Bass), Thomas Broussard (Guitar), André Hall
(Keys), Guillaume "Stepper" Briard (Sax & Percussions), sowie
Linda Rey & Sandra Soony
(Backing vocals). Ja und natürlich nicht zu vergessen, ist mit
besonderer
Verantwortung Sound Engineer Tamal an den Reglern zu Gange.
Wir nehmen zur Erinnerung ein paar Teile der Show auf, denn nichts kann
einen Auftritt besser beschreiben, als entsprechende Live-Aufnahmen.
Hier die ersten Ausschnitte.
Live Video:
Queen Omega & The Royal Souls - 1/3
Die Queen hat die Massive voll im Griff. Einen besseren Chor kann sie
sich nicht wünschen. Die Fans scheinen keinen Einsatz zu
verpassen, als sei das schon mehrfach geprobt.
Irgendwann verschwindet im Eifer des Gefechts Queen Omegas silberne
Halskette in den unergründlichen Tiefen ihres Kleides. Mal
sehen, ob sie irgendwann wieder zum Vorschein kommt.
Dann bekommen auch noch die beiden Backgroundsängerinnen
ihren Soloeinsatz und Queen Omega nimmt abwechselnd deren Platz ein.
Live Video:
Queen Omega & The Royal Souls Band - 2/3
Queen Omega kommt von Trinidad & Tobago, genauer
gesagt aus San Fernando, der zweitgrößten Stadt von
Trinidad. Dort wurde Jeneile Osborne, alias Queen Omega, am 31.08.1981
geboren. Ihre musikalische Laufbahn begann sie in Calypso- und
Soca-Bands
und gewann bereits mit 9 Jahren ihren ersten Calypso
Competition. Später wandte sie sich aber dem Reggae zu.
Beeinflusst vom Rastafari-Glauben konzentrierte sie sich besonders auf
Roots-Reggae. Ende 2000 trat sie mit der Soloman Band auf der Caribbean
Music Expo in Jamaica auf. Dort lernte sie den Produzenten Mickey D
kennen, der sie im folgenden
Jahr nach London brachte, wo sie mit ersten eigenen Aufnahmen begann.
2002 folgte schließlich das nach ihr selbst benannte
Debutalbum "Queen Omega" bei Jet Star Records.
Ein Jahr später
folgt mit "Pure Love" ihr zweiter Longplayer beim britischen Label
Green House Family. 2004 legt sie gleich zwei Alben nach, "Away From
Babylon" beim Label Cham in UK und "Destiny" bei den
französischen Labels Special Delivery Music und Nocturne. Im
Jahr 2006 arbeitet sie mit Joseph Cotton zusammen und
veröffentlicht mit ihm das Album "Down Town" bei Mystical
Music in Jamaica. Ihr sechstes Album "Servant Of Jah Army" entsteht
schließlich in Zusammenarbeit mit Joe Ariwa und Mad Professor
und wird 2008, natürlich beim Label Ariwa,
in UK veröffentlicht. Nach ihrer 2012er EP
"Together We Aspire, Together We Achieve", veröffentlicht
beim französischen Label "Greatest Friends Records", gibt es
in puncto Neuveröffentlichungen erst einmal eine
neunjährige Pause, bevor sie 2021 mit ihrem Album "Star
Align", wieder in die Plattenläden zurückkehrt. Live
war sie zum Glück auch schon eher auf der Bühne
zurück. Unter anderem 2018 beim Reggae Jam in
Bersenbrück. Ihr aktuelles Album ist das 2023er "Freedom
Legacy".
Zum Ende der Show hin bekommt auch noch einmal jeder Musiker die
Gelegenheit ein Solo zu präsentieren und Queen Omegas
Halskette klimpert auch irgendwann auf die Bühnenbretter. Als
sie Queen Omega entdeckt hebt sie sie auf und schenkt sie einer Frau in
der ersten Reihe. Vermutlich ist der Verschluss nicht mehr in Ordnung,
aber das macht überhaupt nichts. Das kann man alles reparieren
und danach bekommt das Schmuckstück vielleicht einen
Ehrenplatz im Bilderrahmen, damit es nicht wieder verloren geht.
Live Video:
Queen Omega & The Royal Souls Band - 3/3 - Don't Call Me Local
+
Rocking And Popping + mehr
Nach
dem letzten Block mit der Bandvorstellung, der etwas langgezogen ist,
geht es
dann natürlich auch noch in die Zugabe, und Queen Omega setzt
wieder ihre mit Glitzersteinen besetzte Sonnenbrille auf.
Die wird aber nicht verschenkt.
Was für eine mitreißende Show!
Als besten Song des Abends würden wir "Don't Call Me Local"
auswählen.
Bild
rechts: Setlist des Abends
Nach der Show versuchen wir noch einmal mit Queen Omega in Kontakt zu
treten, um zu ein paar neuen Backstagefotos zu kommen, aber es
ist
aussichtslos. Obwohl sich eigentlich niemand
sonst für einen Besuch
interessiert, will man weder das Management informieren, noch sonst
eine Botschaft überbringen. Die Fotos von Queen Omega, die wir
extra mitgebracht haben, kommen leider nicht an die Frau.
Im Sylvia Winter Foyer hat inzwischen das DJ-Set begonnen und die Roots
Daughters legen Roots Reggae vom Feinsten auf. Noch ist der Andrang
nicht so groß, da sich die Paulette Nardal Terrasse
nach dem Bühnenprogramm nur langsam leert. Immerhin gibt es
dort noch ein reichhaltiges Angebot an Speisen und Getränken,
dem sich noch so einige Besucher zuwenden.
Die Geschichte der Roots Daughters begann im Jahr 2009, als sich zwei
kroatische Reggae-Liebhaberinnen in Pula zusammenschlossen und durch
Clubs in Kroatien und Slowenien tourten. 2013 zog die eine
Hälfte des Duos, Julie Omrcen, nach Berlin und traf dort auf
Jahminta Zulu, die auf derselben musikalischen Wellenlänge
unterwegs ist.
In dieser neuen Besetzung spielen die Roots Daughters seitdem in
zahlreichen Ländern Europas und bevorzugen in ihren Sets vor
allem
weibliche Reggae-Stars. Sie lassen sich dabei von der
Rastafari- und jamaikanischen Soundsystem-Kultur inspirieren und sind
natürlich leidenschaftliche Vinyl-Sammlerinnen, was man in der
Regel zur Betreibung eines richtigen Soundsystems auch als
Voraussetzung braucht. Es geht natürlich auch alles digital,
aber wenn man Originalität bevorzugt, eben nicht.
Soweit ein paar Eindrücke aus dem HKW in Berlin.
Auf Wiedersehen bis zum nächsten Mal!
Copyright:
www.reggaestory.de
Text + Videokamera: Peter Joachim
Fotos: Marion + Peter Joachim
Mein Dank geht an Zaynab
Al-Mahdi, Gabriele Tuch und weitere Mitarbeiter des HKW und
natürlich ganz besonders an
die
Künstler des Abends.