THE
WAILING SOULS - ISLAND GIRL EUROPE TOUR 2018
06.04.2018 - KULTURBAHNHOF JENA
Da wollte doch tatsächlich niemand von
den "üblichen Verdächtigen" in Deutschland
Geschichte schreiben. Denn zum ersten Mal kamen die Wailing Souls
während ihrer
"Island Girl Europe Tour" auch durch Deutschland und niemand wollte sie
haben.
Zum Glück hat sich aber noch der Kulturbahnhof in Jena diesen
absoluten Leckerbissen
des Roots Reggae an Land gezogen und für ein volles Haus in
einer eher reggaearmen Region gesorgt. Das war somit die erste und
einzige Show in Deutschland.
Also liebe Veranstalter, ... nehmt euch ein Beispiel daran und geht
auch einmal die nicht
eingetretenen Pfade. ;-)
Wir haben uns natürlich auf den Weg nach Jena gemacht, um die
Show dieser einzigartigen Band zu dokumentieren.
Auch
wenn von der dereinst vierstimmigen Truppe schon seit längerer
Zeit nur noch Winston "Pipe" Matthews und Lloyd "Bread" McDonald auf
der Bühne stehen, sind das genau jene Stimmen, wie sie uns von
ihren größten Hits her in Erinnerung geblieben sind.
Die Wailing Souls ruhen sich dennoch nicht auf ihrem alten Polster aus
und haben erst voriges Jahr mit "Island Girl" ein aktuelles Album auf
den Markt gebracht. So hieß dann auch ihre
aktuelle Tour "Island Girl", für die mit 13 Stationen
die "Union World Music" Group (jetzt Union World Collective)
verantwortlich zeichnete.
Wie eingangs angeführt, gab es aber in Deutschland
nur einen einzigen Termin, was diesseits kaum nachvollziehbar ist.
Als Backing Band hat sich dafür die Fireman Crew aus
Österreich den Hitkatalog der Band verinnerlicht und einen
perfekten Sound auf die Bühne gezaubert.
Der Kulturbahnhof
in Jena ist für uns eine Premiere. An dem alten aber modern
aussehenden Gebäude fahren wir erst einmal vorbei, obwohl
eigentlich unser Ziel erreicht sein müsste. Dies deshalb, weil
auf dem Dach eine Installation mit dem Schriftzug "Saalbahnhof" und
nicht "Kulturbahnhof" angebracht ist. Es ist das ehemalige
Empfangsgebäude des Jenaer Saalbahnhofs, welches 2008 von
einem Privatinvestor, der gleichzeitig Gymnasiallehrer und
international agierender Musiker ist, erworben wurde. Er setzt die
bereits in 1999 vom Verein "JenKultig" begonnene Kulturarbeit fort und
sorgt für die Erhaltung des unter Denkmalschutz stehenden
Objektes.
Zur Einlasszeit sind gerade einmal eine Handvoll Leute angereist, die
genau wie wir etwas zweifelnd die Eingangstreppe emporsteigen. Das
Poster von den Wailing Souls und ein kleines Schild "Kulturbahnhof"
neben dem Eingang, zeigen aber
unmissverständlich an, dass wir hier genau
richtig
sind. Hinter der Glasfassade des Haupteinganges befindet sich eine
über zwei Etagen greifende Wartehalle, die heute als
Raucherzone mit ein paar Polstermöbeln eingerichtet worden
ist. Die gemütliche
Konzertlocation befindet sich gleich links davon im Erdgeschoss.
In der Mitte des großen Raumes befindet sich momentan noch
ein
Vorhang, der den Konzertbereich von den Sitzgelegenheiten nebst Bar und
Kickertisch abtrennt.
Bread und Pipe nebst der Fireman Crew, haben gerade noch für
eine kurze Abstimmung Zeit, bevor es erst einmal ins Hotel geht. Die
Stunden zuvor hatten sie gerade mit dem Bühnenaufbau und dem
Soundcheck zugebracht. Der Beginn der Show wird noch ein wenig nach
hinten verschoben. Wir machen es uns derweil bei
einem Bierchen auf einem Sofa bequem und lauschen dem Warmup, dessen
Zusammenstellung
schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel haben dürfte und sich
ganz auf das beschränkt, was man bei uns so im offiziellen
Rundfunk und
Fernsehen früher geboten bekommen hatte. Auch mal ganz
interessant. ;-)
Dann ist es schließlich so weit und die Fireman Crew startet
mit ihrer Backgroundsängerin Irina Mossi das Programm. Diese
hat mit "Love Detective" auch einen eigenen Song mitgebracht. Mit
kräftiger Soulstimme lockt sie auch noch die bisher in der
Raucherhalle wartenden Besucher vor die Bühne, und der
Kulturbahnhof ist im Nu gefüllt.
Irina Ndubu Mossi hat kongolesische Wurzeln und wurde 1990 im
schweizerischen
Biel geboren. Ihre ersten musikalischen Schritte begann sie mit 10
Jahren bei Gesangsauftritten zu Familienfeiern und später im
Jugendchor des Bieler Konservatoriums. 2006 begann sie beim Glo-Gospel
Chor zu singen. Dies verhalf ihr zu Auftritten wie beim 2012er Montreux
Jazz Festival und in der Stravinsky Halle in Montreux. Parallel
unterstützte sie Musikerkollegen als
Backgroundsängerin auf der Bühne und bei
Studioaufnahmen. 2009 stand sie beim Royal Arena Festival im
schweizerischen Orpund auf der Bühne. Aktuell ist sie mit dem
Soulprojekt "Irina Mossi & Jones" unterwegs oder eben auf
dieser Tour bei den Wailing Souls als Backgroundsängerin dabei.
Mit
"Love Detective" beweist sie, dass sie sich im Reggae auch ganz gut
einen Namen machen könnte. Aber heute bleibt es erst einmal
bei diesem einen Song. Die Fireman Crew spielt im Anschluss ein paar
Riddims von den Wailing Souls an, und dann stehen auch schon Bread und
Pipe mit "She Pleases Me" und "Bag A Trouble" auf der Bühne.
Live
Video: The
Wailing Souls & The Fireman Crew - 1/8 Irina Mossi
mit Love Detective und Wailing
Souls mit She Pleases Me + Bag A Trouble
Endlich können wir die legendäre Band einmal auf
einer hiesigen Bühne erleben. Und für all jene, die
nur die alten Erfolgsplatten früherer Jahrzehnte im Schrank
stehen und die weitere Bandgeschichte nicht verfolgt haben, tragen
Bread und Pipe einen gut leserlichen Aufnäher auf ihren
Jacken. Soweit ist zumindest schon einmal geklärt, wer Bread
und wer Pipe ist. ;-)
Live
Video: The
Wailing Souls - 2/8 - Jah Jah Give Us Life +
Things & Time
Die Band gründete sich bereits im Jahre 1964,
ursprünglich noch unter dem Namen "The Renegades" und bestand
aus Winston "Pipe" Matthews, Lloyd "Bread" McDonald und George "Buddy"
Haye. Unter anderem nahmen sie anfangs als Background-Sänger
bei Aufnahmen für Ernest Ranglin teil, bevor sie 1966 ihre
Debut-Single "You've Lost The Love" aufnahmen. Die von Sam Mitchell
produzierte Single, auf dessen B-Seite sich die Merritone Singers mit
"Rude Boy A Wail" befinden, gehört zu ihren frühesten
Rocksteady Arbeiten. Später folgten weitere Singles
für Clement "Coxsone" Dodd´s Studio One, wie "Back
Out With It", "Row Fisherman Row" und "Mr. Fire Coal Man".
Während dieser Zeit änderte die Band 1968 ihren
Namen in Wailing Souls. In jenem Jahr verließ auch George
"Buddy" Haye die Band und Oswald
Downer nebst Norman Davis schlossen sich an.
Live
Video: The
Wailing Souls & The Fireman Crew - 3/8 - Hard Living
1970
begann die Gruppe mit dem Produzenten Lloyd Daley zu arbeiten. In
dieser Zeit wurden ihre neuen Singles oft unter Namen wie The Little
Roys, The Classics, Atarra, und Pipe And The Pipers
veröffentlicht, um Verwechslungen mit den zeitgleich
agierenden Wailers zu
vermeiden. Diese wiederum traten auch als The Wailers All Star Band auf
und nahmen gemeinsame Singles wie "Harbour Shark", "Walk Walk Walk" und
"You Should've Known Better" bei Tuff Gong auf.
Live
Video: The
Wailing Souls & The Fireman Crew - 4/8 - Island Girl + Oh What
A Feeling
1974 tauschten Oswald Downer und Norman Davis ihre Plätze
wieder mit Altmitglied George "Buddy" Haye. Weiterhin kam Joe Higgs als
Verstärkung hinzu. Dieser blieb aber nicht lange und schloss
sich einer US-Tour mit Jimmy Cliff an. Sein Nachfolger wurde Rudolph
"Garth" Dennis (Gründungsmitglied von Black Uhuru). 1975 folgt
schließlich ihr Debutalbum "The Wailing Souls" bei Studio One
und Winro Records. In den 70er Jahren vor und nach ihrem
Debutalbum gelang der Band schließlich der Durchbruch, als
sie mit Produzent Joseph Hoo Kim in seinen Channel One Studios,
zusammen mit
seiner Hausband The Revolutionaries, zahlreiche Hits an den Start
brachten. Darunter auch das unvergessene 1978er "Jah Jah Give Us Life".
Ein Jahr zuvor gründete die Band bereits ihr eigenes "Massive"
Label.
Live
Video: The
Wailing Souls & The Fireman Crew - 5/8 - Firehouse Rock
Mit ihrem 1979er "Wild Suspense" bei Island Records, einem Album mit
Remix-Tracks früherer Singles, erreichten sie das
nächste Level auf ihrer Erfolgsleiter.
1980 begannen sie auch für Sly & Robbie´s
Taxi Label aufzunehmen und arbeiteten weiterhin mit Produzent Henry
"Junjo" Lawes bei Channel One zusammen. 1981 entsteht
schließlich mit "Fire House Rock" einer ihrer
größten Hits, dem das legendäre Album "Fire
House Rock" bei Greensleeves Records auf dem Fuße folgt. Ja
und der Rest ist Geschichte. Inzwischen hat die Band über 20
Alben am Start, kann auf drei Grammy-Nominierungen zurück
blicken, hat sich auf der 1993er Disney-Produktion "Cool Runnings" mit
ihrem Hit "Pcky Picky Head" ein Denkmal gesetzt und geht nach wie vor
auf Tour. Allerdings sitzen seit 1985 George "Buddy" Haye und Rudolph
"Garth" Dennis nicht mehr mit im Boot.
Live
Video: The
Wailing Souls & The Fireman Crew - 6/8 - Kingdom Rise &
Kingdom Fall
Inzwischen sind wir auch schon im letzten Drittel der Show angekommen,
als ein Tablett mit einer Batterie Schnapsgläser zur
Bühne gewandert kommt. So recht gewollt ist das
natürlich nicht von den Künstlern, und so dauert es
eine Weile bis die Gläschen abgenommen und auf der
Bühne verteilt werden. Also wenn ich singen müsste,
was ich allerdings gar nicht kann, möchte ich auch keinen
Schnaps zwischendurch. Am Ende kratzt der Drink
womöglich noch die Stimme an. ;-)
Live
Video: The
Wailing Souls & The Fireman Crew - 7/8 - Picky Picky Head
Nach ihrem Hit "Picky Picky Head" aus dem Kultfilm "Cool Runnings",
folgen noch "Shark Attack" und "Very Well". Damit ist die Setlist erst
einmal abgearbeitet. Die Massive aus dem Kulturbahnhof will die Band
aber noch nicht ziehen lassen. Die Wailing Souls sieht man
schließlich nicht alle Tage. Und für die einzige
gastgebende Location in Deutschland muss natürlich unbedingt
noch eine Zugabe her. Die Wailing Souls und die Fireman Crew lassen
sich auch nicht lange bitten und stehen kurz darauf wieder auf der
Bühne.
So geht es zum Glück mit "Ishen Tree", "Act Of Affection" und
ein paar ergänzenden Dancehall-Tunes in den Zugabenblock.
Live
Video: The
Wailing Souls & The Fireman Crew - 8/8 - Ishen Tree + Act Of
Affection
Ein paar Songs und einem letzten beeindruckenden Gitarrensoli von Lukas
Höfler später, ist dann auch leider dieser
abschließende Teil des Abends vorüber. Weiterhin
spielten heute bei der Fireman Crew: Paul Krackowizer (Drums), Felipe
Ramos Corrotea (Bass) und Mathias Schwendtner (Keys). Darüber
hinaus sorgte für alle unsichtbar, Engineer Mathias
für den richtigen Sound.
Wir sind froh
dabei
gewesen zu sein und hoffen, dass nun einige andere Veranstalter auch
etwas Interesse an dieser Show zeigen werden.
Im Konzertsaal des Kulturbahnhofs wird es jetzt schlagartig lichter.
Nicht weil der Nachhauseweg angesagt ist, sondern weil die Raucher erst
einmal in die Vorhalle drängen, um sich eine Kippe
anzubrennen. Wieder einmal ein Location, wo das Rauchverbot noch ernst
genommen wird und auch funktioniert. Drinnen hat das Soundsystem wieder die Boxen angeworfen
und ist auf der Suche nach den passenden Tunes für die Fortsetzung der Party.
Etwas später schauen wir noch im Backstage bei den Wailing
Souls und der Fireman Crew vorbei. So bekommen nun endlich unsere
Alben zu ihrem Autogramm. Nach all den langen Jahren hatten wir
fast schon nicht mehr daran geglaubt.
Unsere Empfehlung für all jene, die noch nichts von den
Wailing Souls in der Sammlung haben, sind mindestens diese oben
abgebildeten Alben. Pipe und Bread stimmen da offenbar ganz mit uns
überein.
Von links:
Mathias (Engineer), Pipe, Irina, Bread, Lukas (Guitar), Felipe (Bass),
Mathias (Keys) und Paul (Drums)
Live
Video:
Wailing Souls - Backstage - Jingle
Auf Wiedersehen bis zum nächsten Mal!
Copyright:
www.reggaestory.de
Text + Videokamera: Peter Joachim
Fotos: Marion + Peter Joachim
Mein Dank geht an Paul von Union World Music (Union World Collective)
und der Fireman Crew und
natürlich ganz besonders an alle weiteren
Künstler des Abends.