10.10.2025
- MUTABARUKA
MIT DER WEISHEIT DES ALTERS
Werner Zips
& Sebastian Schwager
Wenn es noch eines Beweises bedurft
hätte, dass mit Muta auch als recording artist
noch immer zu rechnen ist, dann liefert er ihn eindrücklich
mit dem vor zwei Jahren – nach langer Pause –
veröffentlichten Mad Professor Album „Black
Attack“ (Shanachie 2023) und als feature artist in dem
brillanten Song „The Light“ auf dem jüngst
erschienenen Groundation Album „Candle Burning“
(Baco Records 2025). Zwischen Album und Song eröffnet sich ein
Spannungsfeld, das sich auch als Bandbreite des künstlerischen
Schaffens von Mutabaruka deuten lässt.
In dessen
Kern steht dabei immer der Kampf um Gerechtigkeit für Schwarze
Menschen und Entschädigung für erlittenes Unrecht. Im
weiteren Spannungsbogen eröffnet sich die universalistische
Dimension der vielleicht (derzeit) nicht realistischen, aber
grundsätzlich möglichen Vorstellung einer besseren
– d.h. friedlicher und schonungsvoller mit sich selbst und
allen anderen Lebensformen des geteilten Planeten verfahrenden
– Menschheit. Mutabarukas Einstieg in „The
Light“ bringt es auf den Punkt:
„All manners of
existence among the four corners Of the
world have reflected the one principle teaching That
there is a light, a source, an energy! And
this energy that is swirling, and circling And
surrounding us, it last forever! Indeed, it has no end But
for the physical, the individual, life is something Quite
different, our energy burns bright until we reach Our
true potential or perhaps we fail But
with time we come into great reflection What
purpose do we serve and what is the right direction?“
Groundation
feat. Mutabaruka - The Light (Album: Candle Burning, Baco
Records 05/2025)
Der verbale
Schwertkämpfer
Es gibt sie offenbar auch im Reggae Universum: Jene mythischen
Katana-Schwerter der großen Samurai, die mit jedem besiegten
Gegner schärfer werden. Mutabaruka – „der
verbale Schwertkämpfer“ ist vielleicht ihr Prototyp
auf dem jamaikanischen battle
field.
Niemand kann wie er Dancehall Stars wie Jahshii bei
der Hand nehmen, ihre conscious Performance hochleben lassen und ihnen
zugleich eine motivierende Moralpredigt über soziale
Verantwortung
in ihren Communities auf den Weg mitgeben. So geschehen live on stage beim Rebel
Salute 2023 in Plantation Cove, St. Ann. Es lohnt sich das YouTube Video
anzusehen, um den Titel des Artikels – „Mit
der Weisheit des Alters“ – nachvollziehen zu
können.
Rebel Salute
2023 - Jamaica - ONSTAGE TV
Jüngere massives mögen die Power eines Mutabaruka
Auftritts als Poet (noch) nicht selbst kennen gelernt haben. Bis zu
seinem beeindruckenden Comeback beim Rototom Festival in
Benicàssim (Spanien) im August 2023 hat er sich einige Jahre
auf europäischen Bühnen rar gemacht. Mit dem neuen
Album Black Attack,
produziert von Mad Professor, tourte er wieder mit Band durch Europa
und stellte unter Beweis, dass seine Voice of Thunder
immer noch eine einzigartige Magie entfaltet. Nomen est omen: es ist
eine Schwarze Attacke auf die Jahrhunderte lange Gewalt gegen Menschen
mit Afrikanischen Wurzeln und ihre Nachkommen in der Diaspora. Dieser
Angriff bezieht auch indigene und kolonialisierte Gesellschaften in
allen anderen Teilen der Welt mit ein. Die zehn allesamt neuen Songs
des Albums (ergänzt durch vier gewaltige Mad Professor Dubs)
fassen einige seiner Hauptanliegen zusammen.
Mutabaruka -
Rototom 2023 (Photo: Angelica V. Marte)
Ihr Motto könnte als Black Lives Center gefasst werden. Damit
ist gemeint, die historischen Entstehungsbedingungen heutiger
Ungleichheit in der umfassenden Kritik der internationalen Beziehungen
schonungslos zu thematisieren. Und folgerichtig Schwarze
Lebensbedingungen in den Mittelpunkt des globalen Interesses zu
rücken. Dieser Anspruch nimmt die Forderungen von Black Lives Matter
in sich auf, geht aber in der Rasta Tradition des Anti-Kolonialismus
und Anti-Imperialismus über sie hinaus.
Mutabarukas mittlerweile beinahe 10.000 Stunden live on Irie FM
– eine unvorstellbare Zahl, die durchaus reif für
das Guinness Book of
Records sein könnte – fordern nicht nur den Schutz
der Integrität Schwarzen Lebens, sondern
Entschädigung für begangenes Unrecht. Von
„Wiedergutmachung“ kann dabei nicht gesprochen
werden, weil das Leid der Versklavten nicht mehr
rückgängig gemacht werden kann. Aber die
Lebensbedingungen heutiger Generationen können auf die
zentralen Kategorien der internationalen Moralität –
Respekt, Menschenwürde, Gleiche Rechte und Gerechtigkeit
– gehoben werden.
Das waren bereits die zentralen Motive von Haile Selassie I, die ihn
zur Lichtgestalt der Rastafari Philosophie erhoben und gemeinsam mit
Marcus Garvey (und auch Malcolm X) zum Kompass in Mutabarukas
Lebenswerk gemacht haben. Mutabaruka ist eine lebende Ikone des
Schwarzen Freiheitskampfes, weit über die Grenzen Jamaikas
hinaus. Seine Worte des gerechten Zorns – um es biblisch zu
umschreiben – haben in Kreisen Schwarzer Aktivist:innen in
den USA ebenso Gewicht wie bei jungen Intellektuellen der Black Consciousness
in Südafrika, die mit dem heutigen ANC vor allem Korruption
und State Capture
verbinden. Bemerkenswerterweise finden seine ungeschönten
Worte sogar in so entfernten Erdteilen wie den Seychellen Widerklang,
wo eine starke Rasta Bewegung die Musik und damit den Alltag und das
Denken der Gesellschaft – nicht bloß der jungen
Generationen – mitprägt.
All das mag sich mit vergleichbaren Lebensumständen an vielen
Orten der Welt erklären. Aber warum war Muta, so wie ihn viele
nennen, während seiner internationalen Karriere als Reggae
Artist und sogenannter Dub Poet so ein crowd puller für die
globale Reggae massive? Unser gemeinsam mit Mutabaruka verfasstes Buch „Mutabaruka: The
Verbal Swordsman. Perspectives from the Cutting Edge and Steppin
Razor” erklärt es sich so:
Gerechtigkeit ist unteilbar. Sie steht und fällt mit ihrer
universalen Einlösung. Es gibt keine Gerechtigkeit
für einige, ohne Rücksicht auf alle.
Links:
Sebastian
Schwager - Buchpräsentation 2023 - Mutabaruka - The
Verbal Swordsman
Rechts: Mutabaruka und Sebsatian Schwager - Jamaica 2018
(Photos: Sebastian Schwager)
Werner Zips
& Mutabaruka - Vienna 2011 (Photo: Manuela Zips-Mairitsch)
Dafür steht Haile Selassie I und sein unermüdliches
Engagement für internationale Moral und kollektive Sicherheit,
das Muta weltweit von seinem Lebensmittelpunkt in Jamaika aus
fortsetzt. Deshalb – so glauben wir – stimmen
Menschen in Rom in seinen (und anderer Reggae Artists) Ruf nach "Fire
'pon
Rome" ein, geben Deutsche seine Gedichtbände heraus und
verfolgen Menschen weltweit seine Radiosendungen auf YouTube. Black
Liberation ist für sie die logische Voraussetzung für
globale Freiheit (von Unterdrückung).
Cutting Edge
und Steppin Razor
Seine Art of War
– so die Signation seiner Tagesradiosendung Steppin Razor
– ist nur dem ersten Anschein nach ein
„jamaikanisches“ Radioprogramm. Auf den zweiten
genaueren
Blick sind Mutabarukas bissige Kommentare grenzenlose Interventionen
des vielleicht einzigen Rasta public
intellectual.
Kein Individuum und keine Organisation dürfen sich von seiner
kritischen Revision im Hinblick auf Ungerechtigkeiten ausgenommen
fühlen. Insofern steckt in Mutabarukas Saya (Katana-Scheide)
ein
zweischneidiges Schwert. Sein Besitzer lässt es gegen unten
und
oben schneiden, je nachdem wer den Furor seiner (verbalen) Kriegskunst
auf sich lenkt. Zumeist sind das die Mächtigen, die sozial
verantwortungslos handeln. Immer wieder aber auch seine kulturell
„Nächsten“ Reggae Artists.
Vor beinahe vier Jahrzehnten war es der aufstrebende Dancehall DJ Major
Mackerel, dessen Mega-Hit Pretty
Looks Done
die unglückliche Textzeile „ugly like Shaka
Zulu“
beinhaltete. Die rhetorische Ohrfeige durch Mutarbaruka live on air war
mehr als schallend. Jahre später begründete Major
Mackeral
seinen faupax mit mangelnder Schulbildung und Unwissenheit
über
afrikanische Geschichte (see here).
Aber auch selbst ernannte „conscious Rasta artists“
wie
Fantan Mojah wurden schon Opfer von Mutas öffentlichen
Zurechtweisungen. Dessen unsäglichen Fire King
Song (2021) und dazugehöriges Video bezeichnete Muta als
frivole
Objektivierung Schwarzer Frauen und Herabwürdigung von
Rastafari
Prinzipien, vor allem der Bobo Ashanti, denen sich Fantan Mojah
angeblich zugehörig fühlt. Nur wenig werden Muta da
widersprechen, zumal das Video auf den ersten Blick wie eine Satire auf
Hip Hop Sexismen wirkt und erst mit Fortdauer die schmerzliche Einsicht
aufkommt, dass das jemand allen Ernstes ernst meint.
Mutabaruka -
Cutting Edge & Steppin Razor @
Irie FM
Steppin Razor
und Cutting Edge,
sein Signature
Nachtradioprogramm, haben zwar oft einen Fokus auf Jamaika und die
Karibik, greifen aber jede mögliche Problemlage, Krise und
Unstimmigkeit an jedem denkbaren Ort der Welt auf, die Mutas kritischem
Denken auffällt und der öffentlichen Debatte
würdig
erscheint. Während er sich in Steppin Razor eher
mit gesellschaftspolitischen Themen auseinandersetzt,
beschäftigt er sich in Cutting
Edge
vor allem mit philosophischen, religiösen und kulturellen
Themen.
Nicht selten überschneiden sich die Sendungen in beiden
Wochen-Programmen, weil Muta fühlt, dass eine Thematik noch
nicht
ausreichend behandelt wurde oder ihm auf der Autofahrt von Kingston
nach Ocho Rios (Sitz von Irie FM) ein neuer Gedanke gekommen ist. Hier
ist ein Freidenker in der besten Tradition des Wortes am Werk.
In Jamaika wird er für seine nachdenklichen Dekonstruktionen
der
internationalen Politik, Wirtschaft und Religionen hoch verehrt. Als
Radiomoderator bei Irie FM bekommt er mehr Sendezeit als alle
Politiker:innen des Landes zusammen. Er scheint nicht müde zu
werden, das Bewusstsein für soziale Problemlagen zu
schärfen
und ist damit eine Stimme der und für die
(„einfachen“) Menschen.
Noch erstaunlicher ist, dass Jamaikas Öffentlichkeit nach
über 30 (!!) Jahren – Cutting Edge startete 1992
–
wiederum nicht müde wird, seinen Ansichten zuzuhören
und
mitzudiskutieren. Ein Gespräch beginnt in Jamaika oft so:
"Hast du
gehört, was Muta gestern gesagt hat?" Was man als
Phänomen
bezeichnen kann, hat sicherlich vielfältige Gründe,
aber im
Zentrum steht sein bedingungsloses Eintreten für Gerechtigkeit
für Menschen afrikanischer Abstammung, nach "500 Jahren
Versklavung, Kolonialismus, geistiger Sklaverei und
Unterdrückung,
die als Entdeckung getarnt wurden", wie er es auf die eine oder andere
Weise formuliert. Nach Ansicht vieler Jamaikaner:innen entwickelte sich
Muta im Laufe der Zeit zu einer moralischen Institution, vielleicht
„der“ moralischen Institution auf dem Jamrock. So
sieht es
jedenfalls die Grande Dame der Reggae Forschung Carolyn Cooper im
Vorwort zum Buch "The Verbal Swordsman".
Selbst die politische Elite erkannte schließlich seinen
Einfluss,
indem sie ihn 2016 mit dem „Order of Distinction (Commander
Class)“ auszeichnete. Etwas, das in den frühen
Stadien
seines intellektuellen Kreuzzugs als barfüßiger
revolutionärer Dichter undenkbar gewesen wäre.
Links:
Sebastian Schwager und Carolyn Cooper, Kingston, Jamaica 2018 Rechts:
Mutabaruka @ Irie FM (Photos:
Sebastian Schwager & Mutabaruka private archive)
Biographische
Skizze
Mutabaruka wurde am 26. Dezember 1952 als Allan Roy Hope geboren und in
den frühen 1980er Jahren berühmt, als er erfolgreich
eine Plattenkarriere und ausgedehnte Tourneen rund um die Welt
startete. Neben anderen Pionieren wie Linton Kwesi Johnson, Oku Onuora
oder Michael Smith war er einer der Künstler, der ein
einflussreiches Subgenre des Reggae prägte, das als
„Dub Poetry“ bekannt wurde, obwohl er es selbst
vorzieht, seine Kunstform nur als Dichtkunst (poetry) zu
bezeichnen. Muta ist nicht nur Dichter und darstellender
Künstler, sondern auch Schauspieler, Selector, Produzent,
Philosoph, „Entwicklungsdenker“, Aktivist, Dozent
und nicht zuletzt seit mehr als drei Jahrzehnten gesellschaftlicher
Kommentator.
Mit seinen bald 10.000 Stunden live
on air ist er entscheidend mitverantwortlich für
die öffentliche Bewusstseinsbildung auch außerhalb
der Rastafari- und Reggae- Community, vor allem in Jamaika. Als
angesehener Gastredner hält er regelmäßig
Vorträge an Colleges und Universitäten weltweit, z.B.
an der University of
the West Indies in Mona/Jamaika, an der Stanford
University in Kalifornien, USA, oder auch an der Universität
Wien.
Mit seinem unvergleichlichen Charme, Wortwitz, seiner rebelliousness
– „I was born a rebel and always will be a
rebel“ – und Reflektiertheit gelingt es ihm Woche
um Woche seine kritischen Gedanken auf eine so verständliche
und einfache Weise zu äußern, dass er es schafft,
die gesamte (jamaikanische) Nation zu erreichen. Da seine Sendungen
Talkshow-Charakter haben, nimmt sich Muta ausreichend Zeit, um seine
Ansichten zu allen möglichen relevanten Diskursen darzulegen,
von Kriminalitätsthemen und korrupten Politiker:innen in
Jamaika, über globale chinesische, russische und amerikanische
Einflüsse in Afrika, bis hin zu Vorstellungen von
Rastafari-Empowerment.
Mutabaruka,
St. Andrew, Jamaica 2011
(Photo: Sabriya Simon)
Als people’s
philosopher und Panafrikanist bringt er die mitunter recht
abstrakten Konzepte des „Afrika-Zentrismus“ (in den
USA als „Afrocentrism“ bezeichnet) und der Black Consciousness-Bewegung
unters „Volk“. Seine Karriere als Poet, die ihm die
Türen zu Radio und Fernsehen – ein Jahr lang
moderierte Muta auch seine eigene TV Show „Simply
Muta“ auf dem jamaikanischen Kanal CVM –
öffnete, begann mit dem Einfluss radikaler Schwarzer Poeten in
den USA, allen voran der Last Poets, die 2018 das hörenswerte
Alterswerk „Understand What Black Is“ erstmals im
Reggae/Dub stylee veröffentlichten:
„The Last Poets
haben mich besonders beeindruckt! Und all diese Black-Power-Poeten, die
sagten, dass 'die Revolution nicht im Fernsehen übertragen
wird'. Diese Poeten waren meine Initialzündung.“
Dabei bezieht sich Muta auf Gil Scott-Herons Gedicht The Revolution Will Not Be
Televised (1974), dessen Titel ein beliebter Slogan
für die Black-Power-Bewegung in den 1960er Jahren war. Eine
besonders wichtige und bleibende Inspiration war zudem Jean-Baptiste
Mutabaruka, ein Dichter aus Ruanda, den er durch eine Anthologie
afrikanischer Gedichte mit dem Titel Writing Today in Africa
von Mphahlele (1967) kennenlernte. Als er Jean-Baptiste Mutabarukas
Gedicht Song of the Drum in der Anthologie las, erinnerte es ihn an
sein eigenes Gedicht Drum Song. Die Überschneidungen
erstaunten ihn so sehr, dass er schließlich den Nachnamen des
ruandischen Dichters annahm und fortan seine Gedichte unter diesem
Namen veröffentlichte.
Mutabaruka,
St. Andrew, Jamaica 2007
(Photo: Mutabaruka private archive)
Mit dem Gedichtband Outcry
(1973) – mehr als ein Jahrzehnt danach auch Titel eines
Klassikers des Dub Poetry Genres – begann seine
Erfolgsgeschichte als Poet, die mit der Veröffentlichung
seines ersten Albums Check
It! (1983) rasch Fahrt aufnahm.
Nyahbinghi als nicht-doktrinäre aber umso radikalere
Orientierung innerhalb von Rastafari und die Ideale von Ital Livity
bezeichnet er selbst als seine wichtigsten Prägungen, um im
selben Atemzug weitere spirituelle Lebenswelten zu nennen: Tibetische
Märchen gehören dazu ebenso wie die
Auseinandersetzung mit den Lehren chinesischer Philosophen wie Laozi
(„Meister Lao“) und Konfuzius oder die
Lektüre japanischer Literatur und zentraler Texte des
Buddhismus.
Mutabaruka
in the Atlas Mountains, Morocco mid 2010s
(Photo: Mutabaruka private archive)
Selten bezieht er sich darauf in seinen Radio-Sendungen oder Texten
direkt. Muta will sein Publikum nicht überfordern und
verwirren. Wer jedoch zwischen den Zeilen zu lesen weiß, wird
dabei das vielfältige Grundgebäude seines
unorthodoxen Weltbildes erkennen können. Mit den
Versatzstücken der Rasta Imperative kann man viele Reggae
Alben füllen, aber nicht über 30 Jahre lang vier und
mehr Stunden wöchentlich Radio machen.
Mutabaruka
– der Talkmaster
Seine Weltoffenheit schlug sich besonders im Interesse an jeder
erdenklichen Musikrichtung nieder, von algerischem Rai, über
südafrikanischen Kwaito, westafrikanischen Desert Blues aus
der Sahelzone, bis hin zu klassischer und zeitgenössischer
indischer Musik. Als Deejay und Selector seines bis jetzt aktiven Blakk Muzik
Soundsystems, erarbeitete er sich den Ruf, Musik aufzulegen, die in
Jamaika so gut wie niemand auch nur kannte, geschweige denn
hörte. Darin sieht er das Motiv für sein Engagement
bei Irie FM im Jahr 1992:
„Ungefähr zwei Jahre nach dem Start von Irie FM kam
einer der Programm-Manager mit dem Angebot zu mir, eine eigene Sendung
zu gestalten, um Reggae aus der ganzen Welt zu spielen. Ich habe sofort
zugesagt. Aber leider oder zum Glück konnte ich nicht nur vier
Stunden lang Musik spielen. Ich musste etwas sagen! Das gab mir den
Raum, um mein Rasta-Denken und meine Black Power-Positionen unter die
Leute zu bringen. Marcus Garvey hat mich inspiriert, also musste das
ins Programm. Rasta und Black Power hatten damals nur wenig Platz im
jamaikanischen Radio und Fernsehen. Manche liebten meine Ansagen,
andere hassten sie. So wurde ich der Mann, den viele so gerne hassen (the man dem love to hate).“
Muta erkannte schnell, dass nichts besser funktioniert als
Kontroversen. Diese auszulösen wurde seine
Spezialität der verbalen Kriegskunst. Wenn er auf die
Anfänge der Cutting Edge-Show zurückblickt, erinnert
er sich an Geschichten von Hörer:innen, die berichteten, dass
sie sogar von ihren Eltern geschlagen wurden, weil sie seine Sendung
hörten. Es lebe der Streit! Das könnte als sein
inoffizielles Motto durchgehen. Cutting
Edge war so erfolgreich, dass er 2013 ein zweites
wöchentliches Programm angeboten erhielt. Dessen Titel (Steppin Razor – The
Art of War) erweist Peter Tosh Referenz. Seitdem moderiert
er zwei Shows: Cutting
Edge mittwochnachts und Steppin Razor am
Donnerstagnachmittag.
Im Laufe der Jahre hat sich Mutabaruka zu einer Institution in der
jamaikanischen Medien- und Unterhaltungsszene entwickelt, ob er das
will oder nicht. Durch den Live-Stream auf der Website von Irie FM
erhält seine Kampfrhetorik eine transnationale Dimension, die
viele internationale Hörer:innen anzieht. Auch hier gilt, dass
sich Zustimmung und Aufregung die Waage halten, vor allem, wenn er mal
wieder die Seriosität deutscher und italienischer Rastas in
Frage stellt. Das Prinzip ist immer gleich: who feels it, knows it.
In diesem Zusammenhang ist damit die Kritik gemeint.
Oft oder so gut wie immer entstehen diese herausfordernden Diskurse aus
einer Laune des Augenblicks oder besser eines vibes heraus. Sie
entwickeln sich auch im Zuge eines Austauschs mit anrufenden
Hörer:innen. Beide Programme haben eine Call-In-Komponente.
Seine verbalen Überlegungen sind keine vorbereiteten oder
genau überlegten Textkonstruktionen, wie er selbst betont:
„Viele Menschen glauben, dass ich ein Drehbuch vor mir habe,
während ich das Programm mache. Ich habe kein Drehbuch. Ich
sage die Dinge einfach!“
Manche mögen fragen, wie sich die Art of War des
chinesischen Militärstrategen Sun Tzu aus dem 5.
vorchristlichen Jahrhundert mit dem Rasta Prinzip von Peace and Love
verträgt. Er selbst beantwortet das so: „Die
Botschaft in Die Kunst
des Krieges ist sehr aufschlussreich. Es ist eine
Philosophie, wie man in den Krieg zieht, wie man den Feind manchmal
besiegt, ohne Kugeln abzufeuern. Viele Leute fragen, warum ich es nicht
‚Die Kunst des Friedens‘ nenne. Natürlich
könnte man auch das sagen, aber ich beziehe mich eben auf
diese chinesische Philosophie einer Kunst des Krieges,
die zum Frieden führt.“
Links:
Mutabaruka, Treasure Beach, Jamaica 2003 (Photo: Werner Zips) Rechts:
Mutabaruka as MC of Eastfest, Jamaica 2008 (Photo: Werner Zips)
Seine Kontrahenten sind wie erwähnt in aller Regel die
Mächtigen, die
sonst kaum jemand angreift, nur selten andere Reggae Artists, die
irgendeinen Unfug veröffentlicht haben oder
(europäische) Rastas, die ihre Philosophie auf Ganja, Reggae
und die Bibel reduzieren und ihm erklären wollen, was
Rastafari ist und sein soll. Da behauptet er schlicht und bestimmt
seine Deutungshoheit. Wie immer bei Muta gilt: nicht alles
persönlich nehmen. Seine Black
Attack richtet sich gegen das System (der
Unterdrückung und Ungleichheit): „De system, de
system is a fraud, mi say de system, de system is a
graveyard“ (vom oben erwähnten Album-Klassiker Check It!).
Ganz nach Sun Tzus Prinzip „Greife Deine Gegner an, wenn sie
unvorbereitet sind, erscheine, wo du nicht erwartet wirst", nutzt Muta
seine wöchentlichen Sendungen für scharfe Worte und
beißende Ironie gegenüber Mitgliedern der
wirtschaftlichen, politischen und religiösen Elite.
Schonungslose
Poesie
Grundlage seines kometenhaften Aufstiegs als Talkmaster auf Irie FM war
sein weltweiter Bekanntheitsgrad als messerscharfer Poet und Reggae
Artist. Seine revolutionären Gedichte haben ihn davor
praktisch um die ganze Welt geführt. Aber keine Reise war ihm
selbst jemals so wichtig wie die Rückkehr in die Heimat seiner
Vorfahren: nach Afrika und speziell zum Panafest 1997, einem
Kulturfestival, das die panafrikanische Idee im Sinne Marcus Garveys
verfolgt und die Wiedervereinigung der verschleppten afrikanischen
Familie zum Ziel hat. Diese drei Wochen Panafest waren seine
persönliche Wiederbegegnung mit der durch Versklavung seiner
Vorfahren gestohlenen Identität. An genau jenem Ort, wo die
Verschleppung über den Atlantik vor 500 Jahren begann. In
seinen eigenen Worten:
„Diese Erfahrung war unbezahlbar. Zu erleben, dass mich die
Gedichte aus all den Jahren schließlich an den Ursprung
geführt haben. Hier war ich also mit meinen Gedichten, am Ende
eines Weges. Das war die Erfüllung. Alle meine Gedichte an dem
Ort vortragen zu können, von dem sie erzählen. Mir
sind die Tränen in die Augen gestiegen ... ich hab wirklich
geweint. Wenn mir jemand gesagt hätte: Mutabaruka, Du wirst
Gedichte schreiben, die Dich an den Ort bringen werden, über
und für den Du sie schreiben wirst, dann hätte ich es
einfach nicht geglaubt.“
Mutabaruka
with Ghanaba at Panafest, Cape Coast Castle, Ghana 1997 (Photo:
Werner Zips)
Dieses nunmehr historische Panafest 1997 brachte erstmals
große Delegationen aus der gesamten Afrikanischen Diaspora an
den Orten der Versklavung zusammen. Diese Reunion – oder
Wiedervereinigung auf afrikanischem Boden – widerlegte die
Rede vom „Door
of no Return“, das von den Sklavenforts
unmittelbar auf die Sklavenschiffe führte. Erstmals schritten
deren Nachkommen in umgekehrter Richtung durch das Tor ohne Wiederkehr.
Danach besuchten Menschen aus Surinam, Brasilien, den USA, Jamaika und
anderen Orten der Verschleppung die Verliese, in denen ihre Ahnen oft
wochenlang aneinander gekettet festgehalten wurde. Am Abend der
symbolischen Wiedervereinigung im Innenhof des
berühmt-berüchtigten Sklavenforts von Cape Coast
empfängt sie die Wortgewalt Mutabarukas. Viele haben
Tränen in den Augen, manchmal aus Trauer, zumeist aus
grenzenloser Wut. Die aufwühlende Rede und die a cappella
vorgetragenen Gedichte des afrikanischen Poeten aus Jamaika dringen
tief in die Wunden der Vergangenheit, als gelte es die Feinde im
eigenen Blut zu ertränken.
Mutabaruka
with family, Cape Coast Castle, Ghana 1997 (Photo: Werner Zips)
Kein ablenkender Reggae Beat verwässerte in diesem Moment die
Schärfe seiner Gedichte über Versklavung in all ihren
Aspekten. Muta war nicht hier als performer oder Reggae Artist, sondern
als eine Art lebendes Mahnmal für das große
Menschheitsverbrechen Sklaverei. Danach begab er sich selbst auf die
schmerzvolle Reise in die kollektive Geschichte, wie er es in seinen
eigenen Worten erinnert:
„Nach dieser Erfahrung auch noch in die Sklavenverliese zu
gehen, war schier unglaublich. Manche Leute hören da drinnen
Geister. Ich habe aber nur in die Stille gehört. Ich wollte es
nachempfinden und mir vorstellen. Der Boden, auf dem Du gehst, ist
nicht wirklich Lehm. Du gehst auf Fleisch, Blut, Kot, Urin. Das ist das
Verlies, in dem die Sklaven eingesperrt waren, das vielleicht nur
einmal jährlich ausgewaschen wurde. Alles hat sich mit dem
Erdreich vermischt. Beinahe wie Beton. Da ist es mir richtig
eingeschossen, dass alle meine Gedichte für diese Erfahrung
waren. Jetzt habe ich eigentlich über Sklaverei nichts mehr zu
schreiben. Denn das war die Erfüllung all dieser Jahre des
Schreibens über Sklaverei. Diese Erfahrung in meiner Karriere
als Dichter war DIE Erfahrung, DER Moment. Wenn ich danach nie mehr
wieder
auftreten würde, das wäre mir gleichgültig.
Es gibt keine Steigerung mehr, gar nichts.“
Video: Mutabaruka - Poet Of Justice
Black
Attack(s)
Niemand hat das historische Unrecht und den darauf beruhenden Status
quo schärfer angegriffen als Mutabaruka. Doch das
primäre Ziel seiner Black
Attacks ist auch in die Zukunft gerichtet: Die
Ermächtigung jener, die zwar eigene Stimmen haben, aber selten
bis nie gehört werden. Heute gibt es dafür ein
allgegenwärtiges und mitunter inflationär gebrauchtes
Schlagwort: Empowerment. Seine Radiosendungen der letzten Jahrzehnte
sind nichts anderes als Verstärker dieser
überhörten Stimmen. Ebenso wie seine
früheren Alben. Und mit Sicherheit auch sein Paukenschlag mit
70+: das Album Black
Attack mit Mad Professor.
Der Auftritt mit Mad Professor und den Robotiks beim Rototom Sunsplash
2023 und sein einstündiges Reasoning im Rahmen der vom Riddim
Magazin Jahr für Jahr hervorragend organisierten Reggae
University haben bewiesen, dass diese Stimme des Donners
auch in seinen 70ern nichts von ihrer Kraft verloren hat. Gerade
für nachkommende Generationen an Reggae heads erlaubt sein
Charisma einen Blick zurück in die Entstehungsgeschichte von radical, oder mit
einem anderen Wort, „Roots“ Reggae.
Rototom
Sunsplash 2023 - Mutabaruka & Werner Zips @ Reggae
University
(Photo: Angelica V. Marte)
Zum Laufen braucht es für Mutabaruka jedoch zwei Beine. Das
Medium des Reggae ist nur eines davon, das andere die
Öffentlichkeitsarbeit in den sogenannten Mainstream Medien
Radio und Fernsehen. Damit will er nicht zuletzt die Mächtigen
erreichen, die in seinen eigenen Worten nicht die Chance verpassen
sollten, aus der Weisheit des Alters zu lernen:
"Ich sage, es ist an der Zeit, dass mir diejenigen an den Schalthebeln
der Macht zuhören! Denn auch wenn es sich so anhört,
als wäre ich immer nur aggressiv, letztlich verbreite ich nur
Ideen. Wenn sie sich die Ideen anhören würden,
könnte es ihnen helfen, besser zu regieren!"
Der eingangs zitierte Tune „The Light“ gemeinsam
mit der US-amerikanischen Roots Reggae Band Groundation adressiert
jedoch die gesamte Menschheit. Auf ihrer Website bezeichnet Groundation
diesen Song als Herzstück („centerpiece“)
des neuen Albums „Candle Burning“. Er soll die
offensichtliche Wahrheit menschlicher Existenz offenbaren:
„The centerpiece of Candle Burning — our new single
"The Light" featuring the powerful, prophetic voice of
Jamaica’s own Mutabaruka — is now LIVE. A deep
one-drop meditation on the duality of existence: The eternal light that
surrounds us all and the individual flame, bright but brief. Let the
words move you. Let the riddim hold you. Let The Light reveal
what’s hidden in plain sight.“
(https://groundation.com/post/the-light-out-now).
In dem Song stellt Mutabaruka die alles entscheidende Frage, was wir
jede/r für sich mit dem Licht anstellen werden. Wenn sich die
Antwort für viele hartnäckig unsichtbar macht, kann
sie nur durch Selbsterkenntnis gefunden werden. Trotzdem, oder
vielleicht gerade deshalb, lohnt es darüber mit ein wenig
Hilfe durch Mutabarukas wisdom (of
an elder) zu meditieren:
„So
the question is not, does the light exist But the
question really is What are we
going to do with it? You see,
some will come to absorb And some
reflect the light, but we the elders wonder Will there
be enough wisdom to keep it burning bright?“
(Groundation feat. Mutabaruka, The Light, album: Candle Burning, Baco
Records 2025)
Quellen
Sebastian Schwager und Werner Zips haben gemeinsam mit Mutabaruka das
Buch „Mutabaruka: The Verbal Swordsman. Perspectives from the
Cutting Edge and Steppin Razor“ geschrieben. Es behandelt
sein öffentliches Wirken vor allem im jamaikanischen
„Massenmedium“ Irie FM (radio of the massives). The
Verbal Swordsman erschien 2023 bei Ian Randle Publishers (Kingston und
Miami).
Mutabaruka hat an mehreren von Werner Zips organisierten Konferenzen als keynote speaker
teilgenommen. Seine Beiträge wurden im Sammelband
„Rastafari – A Universal Philosophy in the Third
Millennium“ (Ian Randle Publishers, Kingston und Miami, 2006)
veröffentlicht. Deutsche Fassung: Promedia Verlag (2010).
Ein Beitrag von Mutabaruka zum Thema „Maroons und
Panafrikanismus“ findet sich im Werner Zips‘ Buch
„Nanny’s Asafo Warriors. The Jamaican
Maroons’ African Experience” (Ian Randle
Publishers, 2011).
Sebastian Schwager hat Teile des gefilmten Interviews mit Mutabaruka,
welches 2018 in Jamaika geführt wurde und als eine Hauptquelle
für das gemeinsame Buch diente, auf seinem YouTube-Kanal
veröffentlicht.
Werner Zips hat überdies in Kooperation mit Mutabaruka einen
Film über seine historischen Auftritte beim Panafest on Ghana,
v.a. im Sklavenfort von Cape Coast gedreht. Der Film wurde im
öffentlichen TV gesendet und als DVD mit umfangreich
bebildertem booklet veröffentlicht: „Mutabaruka: The
Return to the Motherland”, with 16 pages booklet and liner
notes (45 Min.) on DVD (Hoanzl), Vienna 2011.
Die DVD inkludiert als Bonus den Film “From the Cutting Edge
– Mutabaruka on Mutabaruka”, (90 Min) on DVD
(Hoanzl). Vienna 2011.
Alle diese
Publikationen sind über die Anaves Music website
von Sebastian Schwager zu beziehen.
Copyright:
www.reggaestory.de Text:
Werner Zips &
Sebastian Schwager Fotos:
Siehe Bildbeschreibungen