Imprint Contact
Seychellen Wappen
GERMANENGLISH

17.03.2025 - SEYCHELLEN - DER REGGAE ARCHIPEL

Ein Beitrag von Werner Zips & Angelica V. Marte - Nach Eindrücken aus 2017

Festival Kreol 2017
Die Seychellen sind eine Ansammlung von 115 Granit- und Koralleninseln, verstreut über eine gigantische Meeresfläche von 390.000 Quadratkilometern. Entgegen dem landläufigen Image ist der farbenprächtige Archipel kein unbewohntes Paradies, sondern ein Staat mit knapp 100.000 Einwohnern und einer ebenso viel-farbigen Kultur. Seine Bewohner nennen sich Seychellois und ihre Kultur "Kreol".
Ihr Soundtrack ist der unverwechselbare Reggae Kreol, untermalt vom allgegenwärtigen Meeresrauschen. Wenn Jamaika die Reggae-Insel ist, dann sind die Seychellen der Reggae Archipel.

Seychellen

Festival Kreol

Ras Ricky ist nicht mehr zu halten. Mit heraustretender Halsschlagader springt er vom Dancehall float - einem Kleinlaster mit Sound System, Selector und Boxentürmen auf der Ladefläche. Dreadlocks flashing läuft er mit seinem schnurlosen Mikro auf die Ehrentribüne zu, begleitet von seiner all female dance crew. Bashment stylee made in Seychelles. Aus den Boxentürmen des Karnevalwagens (float) wummern harte dancehall beats. Alarmstufe rot bei der versammelten Politprominenz.

Festival Kreol 2017

Ras Ricky, Jakim und Juliah Mary-Ane Jeannewal

Der Vizepräsident und ein guter Teil der Ministerriege schauen drein wie sweet sour Chop Suey. Äußerst bemüht, gute Miene zum - zumindest für manche - bösen Spiel zu machen. Mit seinem neuen Album Ghetto Desperado ist der Reggae Artist Mann der Stunde. Seit den Parlamentswahlen im September 2016 gilt er zudem als public hero, zumindest für die siegreiche Oppositionspartei Linyon Demokratik Seselwa (LDS oder Demokratische Allianz der Seychellen). Sein Song “Pil Lo Li” war der Soundtrack der Wahlen. Das dazugehörige YouTube Video belegt, wie politisch Reggae hier sein kann. Übersetzt heißt Pil Lo Li soviel wie "step pon dem" - "steigt ihnen auf die Zehen und verjagt sie von der Macht" - aber nicht mit Gewalt, sondern durch Stimmabgabe, wie uns Ras Ricky erklärt.



Ras Ricky beim Festival Kreol 2017

Die Macht des Tunes war Wegbereiter für den ersten Schritt zum politischen Machtwechsel. Die Seychellois Democratic Alliance, wie sie sich auf Englisch nennt, beendete die fast 40 Jahre währende Alleinherrschaft der sozialistischen Einheitspartei, Parti Lepep (Volkspartei). Doch die Regierung wird vom Präsidenten ernannt und der wird in eigenen Wahlen bestimmt. Deshalb sitzt auf der Ehrentribüne ein guter Teil des alten Regimes. Neben den Abgeordneten zum Parlament, die mehrheitlich der Opposition angehören. Ras Rickys offizielle Teilnahme beim Festival Kreol gilt als Zugeständnis an sie. Mittlerweile ist er aufgeladen wie die Reaktorblöcke von Fukujima kurz vor der Kernschmelze. Kein Wunder, Jahre lang erging es ihm wie Peter Tosh, mit dem ihn nicht Wenige vergleichen. Wie sein großes jamaikanisches Vorbild musste er mit ständigen Repressalien leben, wie er uns am Tag nach seinem großen Auftritt noch immer sichtlich ausgepumpt erzählt:

Ras Ricky

Ras Ricky

"Die haben mich immer bekämpft und auf keine Bühne gelassen. Aber jetzt hat einer meiner revolutionären Songs zurückgeschlagen. Und die politische Landschaft der Seychellen verändert. Das war ein Einparteienstaat, wie es in Afrika viele gibt. Manche glauben, dass es AK 47, Uzi oder sonst was für Veränderung braucht. Aber wir haben bewiesen, dass ein Lied genügt, um an die Macht zu kommen. “Pil Lo Li” war ein Stampfen, aber kein Aufruf zur Gewalt, vielmehr dazu, Mut zu fassen, um ohne Furcht in eine Wahlzelle zu gehen. Jetzt habe ich den Text vor der versammelten Regierung gesungen, das war wie ein Triumph nach einer langen Schlacht. An diesem Punkt wusste ich: 'Ja, ich bin am Ziel, wir haben gewonnen'. Und die Typen haben ganz schön geschaut."

Seggae, Dancehall, Reggae Kreol

Ras Ricky ist nur einer aus der ganzen Armada von Seychellois Reggae Soldiers, die seit Jahren Alben aufnehmen: Ambitious, Champion, I-Blacka, Jahrimba, Jakim, Raskidusie, Raspyek, Philip Toussaint, und Xtra Big, um nur die bekanntesten zu nennen.

Ambitious

Ambitious

Deren Reichweite beschränkt sich weitgehend auf den Indischen Ozean vor der Ostküste Afrikas, namentlich auf Mauritius, Reunion, Mayotte, die Komoren und Madagaskar. Der größte Star heißt Philip Toussaint. Er nimmt seit 20 Jahren im zwei-Jahres Rhythmus Alben auf. Sein 10. Album Mersi dankt dem Schöpfer und seiner Massive für die Inspiration und Treue. In der Nacht nach Ras Rickys Siegeszug tritt er auf der Hauptbühne beim Festival Kreol vor mehr als 10.000 begeisterten Fans (über 10 Prozent der Gesamtbevölkerung) auf. Wie kaum ein Anderer hat er seinen ganz eigenen Stil entwickelt, der Roots-Reggae mit der traditionellen Sega Musik vereint. Seggae nennt sich das Resultat und klingt nach Palmen, Strand und Meer. Feelgood Music in der Tradition von Alpha Blondy, Lucky Dube, und, wer sonst, Robert Nesta. Philip ist ein bekennender Catholic Dread, eine Rarität im Reggae Universum, aber nicht auf den Seychellen mit über 70 Prozent Katholiken.

Jakim

Jakim

Raspyek

Raspyek

Darin zeigt sich das Erbe der französischen Okkupation von 1756 bis 1811. Dieser "verdanken" die Seychellen auch ihren Namen, der auf den Finanzminister des damaligen französischen Königs, Jean Moreau de Séchelles, verweist. Mit der englischen Eroberung kam die Abschaffung des Sklavenhandels, einige Jahre vor der Karibik. De facto dauerte die Sklaverei bis 1838, also ebenso lange wie auf Jamaika und anderen britischen Karibikinseln. Somit sind auch die Seychellen aus einer Sklavenhaltergesellschaft entstanden. Von den rund 7.500 Bewohnern im Jahr 1818 waren rund 90 Prozent Versklavte. Vielleicht liegt darin der wichtigste Grund für den kulturellen Tsunami, den Reggae in den 1970er Jahren auf den Seychellen auslöste. Noch heute ist das koloniale Erbe in Vielem spürbar, zur Zeit der Unabhängigkeit (1976) waren französische und britische Umgangsformen vorherrschend. Sprache, Religion, Rechtssystem, Bildungswesen - alles orientierte sich an den früheren europäischen Kolonialmächten. Die Konfrontation mit jamaikanischem Reggae ließ daher keinen Stein auf dem anderen, wie Philip Toussaint beschreibt:

Philip Toussaint

Philip Toussaint

"Als wir das erste Mal Marley songs, diese ganzen Revolutionslieder zu hören bekamen, war jeder Seychellois geschockt: 'Was ist das denn für eine Botschaft und Musik?' It made like boom!! in Seychelles. Ich war damals noch sehr jung, aber mir war sofort klar, dass ich genau diese Musik machen will. Eigentlich wusste ich kaum was über Rastafari, doch die musikalischen Botschaften fühlten sich gut und richtig an. Ich spürte durch die Musik, dass Rastas reinen Herzens sind und positiv denken. Du musst sie einfach mögen, obwohl ich nie zum Rasta wurde. Ja, ok, ich trage Dreadlocks, aber das ist nur ein style. Mir gefallen diese Vorschriften nicht: das musst Du essen und das darfst Du nicht essen. Ich mag Rastas, aber ich bin ein katholischer Typ."

Paradise Burning

Der zweite große Star neben Philip Toussaint ist da schon aus härterem Holz geschnitzt. Jahrimba versteht sich als Dreadlocks Rasta durch und durch, mit einer Rude Bwoy flip side, ganz wie sein Idol Sizzla. Gemeinsam mit seinem Producer und Brethren Xtra Big - "Di Genius Seychellois" hinter vielen Dancehall Seggae big tunes - rockt er jedes Venue auf den drei Hauptinseln Mahé, Praslin und La Digue.

Xtra Big

Xtra Big

Wie Sizzla oder Capleton nimmt er sich kein Blatt vor den Mund. Da wird aus Babylon Burning schnell mal Paradise Burning, wie auf dem gleichnamigen Hit auf dem Mission Impossible Riddim. Mit Texten über die ungleiche Einkommensverteilung und heuchelnde Politiker (hypocrites), die dafür verantwortlich sind, macht man sich auch auf den Seychellen bei den Herrschenden nicht beliebt. Soziale Probleme wie Armut, Korruption und politische Vetternwirtschaft passen so gar nicht zum Paradies-Image, das der Inselstaat pflegt. Die Verbreitung von harten Drogen vor den geschlossenen Augen der Machthaber schon gar nicht. Die Seychellen haben seit einigen Jahren ein veritables Heroin-Problem. Seit dem eingeleiteten Machtwechsel ist der Zustrom harter Drogen weitgehend gestoppt. Doch damit steigen die Preise und die Beschaffungskriminalität der Süchtigen. Jahrimba besingt genau diese Schattenseiten, die kaum ein Tourist realisiert. Yah moooon, life in Seychelles rough sometimes, besonders an Orten wie La Misère, sowas wie Trenchtown auf den Seychellen, dem Geburtsort von Jahrimba:

Jahrimba

Jahrimba

"Für uns ist das Leben hier ziemlich hart. Ein Rosenbeet ist dieses Land nur für Wenige, die zum System gehören. Als Reggae Artist gehöre ich da sicher nicht dazu. Aber ich habe mich auch von dem alten Regime, unter dem ich 40 Jahre lang leben musste, nicht einschüchtern lassen. Ich sage und singe immer, was ich mir denke und mit eigenen Augen sehe. Früher hatten die Leute Angst, ihre Meinung zu sagen. Doch jetzt haben wir eine gute Chance auf demokratische Freiheiten. Wenn Du wie ich in La Misère aufgewachsen bist, kannst Du mit Druck gut umgehen. Die Seychellen sind zwar nicht wie Jamaika, aber auch hier gibt es Ghettos. La Misère ist ein französisches Wort, das so viel wie Armut bedeutet. Aber es ist bei weitem nicht die heruntergekommenste Gegend auf Mahé. Deswegen nennt sich unsere Crew auf Kreol Getto Souljahz."

Wie überall auf der Welt bietet Reggae auch auf den Seychellen einen Spiegel für die "Lage der Nation" an. Wenn sich diese in Schieflage befindet, würden die dafür Verantwortlichen den Spiegel am Liebsten umdrehen, wenn nicht gleich zerschlagen. Doch auch hier konnten sie nicht verhindern, dass diese Musik den Takt zum kulturellen Herzschlag der Landesbevölkerung bestimmt. Darin besteht jedenfalls kein Unterschied zu Jamaika. Doch in einem Punkt wollen sich die Getto Souljahz Seychellois sehr wohl vom Herkunftsort ihrer Musik abheben. Bei allem Respekt für die Inspirationsquelle in der Karibik, distanzieren sie sich unisono von Zwietracht, kleinlichen Konflikten zwischen Ghettobezirken und Diskriminierung von Frauen und Minderheiten. Nicht, dass sexy body gal tunes Künstlern wie Jahrimba völlig fremd wären, aber Gewalt, Sexismus und Homophobie werden kritisch reflektiert. Das belegen nicht nur zahlreiche Interviews mit Artists und andere Gespräche, sondern auch die weithin sichtbare Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Competition gibt es immer, wo Interpreten um ihr Ansehen und Rang wetteifern, aber die Prinzipien von Toleranz, togetherness, unity und One Love sind gelebte demonstrative Praxis. Dieses Gemeinschaftsgefühl zeigt sich in der engen Freundschaft zwischen den Artists, die sich in zahlreichen combination tunes niederschlägt. So sind mehr als die Hälfte der Lieder auf Jahrimbas vorjährigem Doppelalbum Douler Lo Zot Collabos mit einem oder mehreren Artists. Der Gleichheitsgedanke ist hier geradezu Programm, aller ökonomischen Unterschiede zum Trotz. Jahrimba sieht darin das wichtigste positive Vermächtnis des alten Regimes:

"Auf den Seychellen ist es unwichtig, ob Du weiß oder schwarz bist. Das ist vielleicht das einzig gute, was man über die frühere Regierung sagen kann. Rassismus war nie ein Problem. Wir haben keine rassistische Gesellschaft. Darauf bin ich wirklich stolz. Oneness, one world, one planet, one universe, das ist doch die Basis von Reggae. Das entspricht der Rasta livity, wie ich sie mir vorstelle. Und das ist auch die wichtigste Botschaft meiner Musik, die mich das Leben auf den Seychellen gelehrt hat. Wir sind ein total gemischtes Land. Da ist Zusammengehörigkeit eine ständige Erfahrung. Das ist nichts, was wir uns erst in der Theorie vorstellen müssen. Wir leben unity seit wir denken können, zumindest seit der Unabhängigkeit. Deshalb ist es für mich so selbstverständlich, über 'one love, oneness, one aim, one destiny, one world, one people, one blood' zu singen. Yah moon, that´s it."

Frauen waren und sind in Seggae, Dancehall Sega und Reggae Kreol unterrepräsentiert. Mit Ausnahme der Queen of Sega, Sandra, haben es nur wenige zu eigenen Alben gebracht. Über Collabos mit den bekannten männlichen Künstlern, aber auch mit den wenigen Frauen untereinander, arbeiten sich Künstlerinnen wie Telsy langsam an die kleine recording industry des Indischen Ozeans heran.

Mon Lekspresyon - die Stimmen der Frauen

Auf Telsys neuester CD Mon Lekspresyon lässt sich an den unterschiedlichen Genres von R n B bis zu Reggae die Vielfalt ihrer Ausdruckskraft (Lekspresyon) erkennen. Mit dem Albumtitel will Telsy anderen Musikerinnen Mut machen. Die wenigen Frauen im music biz begründet Telsy mit dem Fehlen von lokalen, female role models. „Wenn Du eine Konkurrentin hast, ist das immer gut, weil es dich antreibt, besser zu werden.“ Die singenden Frauen verstehen Konkurrenz im lateinischen Sinne concurrere richtig als “zusammen gehen”. Solidarität, sisterhood, gemeinsame Collabos sind für Telsy daher der Königsweg zu mehr Erfolg: „Ich lade andere Künstlerinnen ein, mit mir zu arbeiten und ihr Talent einzubringen. Es ist wirklich cool mit Frauen zusammen zu arbeiten, nicht immer nur mit Männern.“ Für Telsy heißt female power, sich alles zuzutrauen: “Was Männer erreichen können, können auch Frauen erreichen.” Es geht darum, sich nicht mehr alleine zu fühlen, und allgemein um Austausch, gemeinsames Bewusstsein, Sichtbarkeit.

Telsy

Telsy

Eindrucksvoll zeigt sich das bei Sandra Esparon, die auf den Seychellen der unumstritten größte weibliche Star ist. Das merkt man nicht nur bei ihrer Eröffnung des Festivals Kreol mit ihrem Seggae tune Nou Identite - unsere Identität - mit dem sie 2013 den 28. Festival Kreol song competition gewonnen hat. Sie tritt in dem zweiwöchigen Festival insgesamt dreimal auf. Ihre Massive umfasst gut drei Generationen und kennt jedes Wort ihrer songs. Wie Gregory Isaacs in alten Tagen muss sie nur die Kennmelodie anstimmen und kann ihren tropischen Cocktail von Reggae, Seggae, Moutya und Dancehall dann dem begeisterten Auditorium (zum Mitsingen) überlassen. Die heute 28-jährige Sängerin aus Takamaka, dem Ort mit der einzigen einheimischen Seychellen Rumproduktion, schafft es als einzige female artist seit 13 Jahren von ihrer Musik zu leben – nicht auf allzu großem Fuß, aber gut genug für ihre Ansprüche ans Leben, wie sie es selbst umschreibt. Eine Erklärung für diesen respektablen Erfolg in dem überschaubaren lokalen Musikmarkt könnte das Management sein: ihr unermüdlicher Vater, der Vorsitzende der Seychelles Music Association, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die lokale Musik zu fördern und international zu promoten. Zwischen den Welten von Kirchenchor und der Band Dezil pendelnd, wurde die 15-jährige Sandra mit dem Song San ou (La Rivière) vom französischen Producer Philippe Besson entdeckt und brachte es sogar in Frankreich 2006 zu einem kleinen Sommerhit von Seychellenträumen.



Mikhail feat. Sandra Esparon & Beton - Fall Inlove

Mehrere Awards (französische Diva de l’Océan Indien (2014, 2015), Prix du meilleur chanson d'Airtel Music Award Seychelles 2017), 24 Solokonzerte, seit 2010 vier Solo-Alben im Zweijahres-Rhythmus später beschreibt ihr Vater sie als eine energiegeladene und sehr disziplinierte Künstlerin, die keine Auftrittschance auslässt. Das drückt sich auch in ihrer social responsibility aus: „Wenn Du Gewinn machst, muss du einen Teil davon der Gemeinschaft zurückgeben.“ Diese kommunale Lebenshaltung zeichnet die Rollenvorstellungen der meisten female artists aus. Ihr melodischer Stil hört sich anders an als ihre male counterparts, die zumindest manche Facetten der Dancehall Kultur stärker ausleben. Seychelloise female artists scheinen sich fürs erste eher für das Feiern des Lebens und der Liebe zuständig zu fühlen. „Auf den Seychellen werde ich oft für Hochzeiten, Partys und Shows gebucht“, erklärt sie lächelnd. Fragt man sie nach ihrer Zukunft, fällt sofort ihr Vorbild Beyoncé und die Vision einer internationalen Karriere. Erste Schritte in den näheren Umkreis wie Reunion, Mauritius und Madagaskar hat sie schon gemacht. Ein weiterer Höhepunkt war ihr Auftritt als opener für Etana kurz nach dem Festival Kreol in der Hauptstadt Victoria. Ganz nach dem Motto der Seychellen unity in diversity sind die gemeinsamen Projekte mit Artists aus dem Reggae Universum höchst willkommen. Und dazu gibt es immer mehr Gelegenheit, wie die gefeierten Shows von Gentleman im April 2017, Beenie Man und vielen anderen beweisen.

Moutya - die lokalen Wurzeln von Reggae Kreol

Es ist kein Zufall, dass die wichtigste weibliche Interpretin im Sega verwurzelt ist und nur gelegentliche Ausflüge in Reggae-Gefilde unternimmt. Denn der Sega entstammt einer Weiterentwicklung der ursprünglichen Ausdrucksform (Lekspresyon) der Versklavten: Moutya. Über die Herkunft des Namens gibt es widersprüchliche Interpretationen, die afrikanischen Wurzeln der Musik sind unbestritten. Sie spiegelt die vielfältige ethnische Herkunft der im 18. Jahrhundert von den ersten Siedlern mitgebrachten Versklavten wider. Moutya wurde zum Medium der Kommunikation und des Widerstandes gegen Sklaverei. Es ist eine Musik, die im Geheimen entstand und gepflegt wurde. Frauen gaben ihr - wie in vielen afrikanischen und karibischen Gesellschaften (zum Beispiel bei den Maroons in Jamaika) die Stimme. Als Vorsängerin im Call and Response-Gesang bestimmen sie den Content und die Stimmung der Gemeinschaft. Der Inhalt der Lieder kann von Alltags- und Liebesgeschichten bis zu Klageliedern und Aufrufen zum offenen Widerstand variieren. Judette Volère, Sängerin der Latanier Moutya-Group und eine der ausdrucksstärksten Moutya Sängerinnen der Gegenwart, sieht in der Moutya die authentische Musik der Seychellen:

"In den Tagen der Sklaverei trafen sich die Sklaven nach der Arbeit, um sich ihr Leid auf den Plantagen zu klagen. Das ist der Beginn von Moutya. Moutya-Lieder handeln vom schweren Schicksal der Sklaven, all ihren Sorgen und Problemen. Das verstehen wir unter Moutya: unsere eigene Stimme. Deshalb ist Moutya so wichtig für uns. Das ist unsere eigentliche Kultur, nicht Sega, nicht R and B, nicht Jazz. Die Seychellen sind das Land von Moutya."



Moutya

Dem zollt auch der Reggae Archipel Tribut. Bei den wenigen großen Live-Shows des Inselstaates darf die Moutya im Vorprogramm nicht fehlen. Reggae und Moutya sind zwei nahe Verwandte, ähnlich wie Nyahbinghi und Reggae. Beide halten das Feuer am Leben. Unbeirrt von der Hitze der Flammen hält der Altmeister Ilris Marie seine Tambour Moutya über den brennenden Scheiterhaufen. Damit wird die Bespannung aus Ziegenhaut gestimmt. Die Trommel soll stakkato-artige Klänge hervorbringen. Ihr schweißtreibender Rhythmus symbolisiert den afrikanischen Herzschlag des Inselarchipels. Der zahnlose Altmeister genießt sichtlich den Moment der Aufmerksamkeit. Jetzt ist er wieder der Star seiner Jugendtage: "Die Moutya-Trommel hat mir viel Verehrung eingebracht", sagt er verschmitzt am nächsten Tag am türkisblauen Strand. Wer die Tänze am Vorabend mitverfolgt hat, kann sich vorstellen, worauf Ilris anspielt. Beim Musikfestival auf Praslin, der zweitgrößten Seychelleninsel nach Mahé, dominieren zwar Reggae, Sega und die diversen Mischformen, aber die alten Traditionen aus der Sklaverei heizen die Stimmung immens auf. Ilris begleitet mit anderen Trommlern und Perkussionisten den Lead-Gesang von Judette Volère. Für viele sind die lasziven Lieder der Moutya Band der Höhepunkt des kreolischen Festivals. Wer den Ton ausblendet und nur die Tänze betrachtet, fühlt sich in eine jamaikanische Dancehall versetzt. Mag schon sein, dass auch hier jamaikanische Daggering-Videos Verbreitung fanden, aber die Tänze am Strand, abseits der Bühne waren wohl schon früher auch Medien der Partnervermittlung - eine Art traditional Parship.

Dabei wird deutlich, dass die Seychellen weit mehr sind als ein bloßer Urlaubstraum im indischen Ozean. Sie sind ein überaus vitaler Inselstaat, der in vielen Aspekten an die Karibik erinnert. Allen voran im allgegenwärtigen Rasta-Reggae mit lokalen Sega-Dancehall Elementen. Sie liefern den Soundtrack für das Inselleben, dessen kulturelle Vielfalt einzigartig und der viel gepriesenen biologischen Diversität mehr als ebenbürtig ist. "Einheit in Vielfalt" gilt auf den Seychellen nicht bloß als offizielles Staatsmotto. Sie wird von der Gesamtbevölkerung als Grundlage der friedlichen Koexistenz und wirtschaftlichen Entwicklung verstanden. Damit kann der Inselarchipel als Beispiel dafür dienen, dass ein fruchtbarer Umgang mit Vielfalt, eine gelungene Inklusion, nicht bloß als Last oder Problem verstanden werden kann, sondern als wahrer Aktivposten. Der Fokus liegt auf dem Gemeinsamen, nicht auf dem Trennenden.

Seychellen

Seit es, zumindest auf manchen Inseln, auch einfachere Pensionen gibt, sind die Seychellen nicht mehr bloß Millionären vorbehalten, auch wenn sie immer noch alles andere als ein Billigreiseland sind. Für die Erhaltung der sensiblen Natur ist ein Maß an Exklusivität allerdings vermutlich eine Voraussetzung. Zu Recht wird diese nachhaltige Vielfalt auf den Seychellen als eigentliche Existenzgrundlage betrachtet. Nicht von ungefähr handeln zahlreiche Reggae tunes von der Pflicht zu ihrer Erhaltung. Das betrifft sowohl die natürliche Umwelt als auch das friedliche Zusammenleben aller Religionen, Hautfarben und Kulturen. Hier sind unabhängig von ihrer sozialen Herkunft alle stolz, ein wahres "Mosaik der Weltbevölkerung" zu bieten. In den Worten des Reggae-Sängers I-Blacka: "To be Seychellois is a gift from God, Rastafari!"

© Werner Zips und Angelica V. Marte

Darüber hinaus zu empfehlen:
Ein Film von Werner Zips und Angelika V. Marte: Seychellen - Ein Meer von Farben
(50 Minuten - 2017). Dieser Film widmete sich der kulturellen Diversität auf den Seychellen.
Das laufende Projekt dem Gegenstück der biologischen Vielfalt.
Der Titel dieses Films für ARTE und ORF: Seychellen - Archipel der Smaragde

Das nächste Festival Kreol, im Oktober dieses Jahres, befindet sich noch in der Planung. 

Wer seinen Urlaub in diese Zeit legen möchte, sollte die offizielle Seite des Festival Kreol der Seychellen im Auge behalten.

Copyright:
www.reggaestory.de
Text und Fotos: Werner Zips & Angelica V. Marte
Festival Kreol Sesel

Zurück

 
Seychellen