„Warrior I’m fighting
I fight for love ‘cause love is a nice thing“
(Nice Thing, Album Rainshine, 2025)
In Frankreich und den
französisch-sprachigen Ex-Kolonien gehört der selbst
ernannte „Raggamuffin Rambo from the Special
Commando“ (aus den lyrics von „Nice Thing“)
längst zu den großen Stars. Das belegt seine
monatliche Hörer*Innen Zahl auf Spotify, die mit 1,4 Millionen
in die Dimension eines Alborosie vorgedrungen ist. Mit dem im Juni
erschienen Album-Geniestreich Rainshine
könnte sie massiv in die Reggae massives hinein expandieren,
die traditionell mit französischen Texten fremdeln.
Surgeon General’s Warning: Wer anfällig für
Suchtverhalten ist, sollte sich vom neuen Biga*Ranx Album Rainshine so gut
wie möglich fernhalten. Mich hat es leider voll erwischt. Seit
seinem Erscheinen brauche ich täglich eine höhere
Dosis. Gegenmittel unbekannt. Von meinen all-time favorites –
Gregory Isaacs und Ninjaman – ist ja leider nichts mehr
(neues) zu erwarten. Dabei hätte ich es wissen
müssen. Kein Song hat sich mir im letzten Jahrzehnt so sehr
ins Ohr gewurmt wie 7
Days von seinem letzten Album Eh Yo! mit seinem
melodiösen Slogan:
“God made the world inna seven days
Human fuck it up inna million ways”
Photo:
Presse Archiv Biga*Ranx
Treffender lässt sich die „Conditio
Humana“ nicht auf den Punkt bringen. Ein erschreckender
Befund gekleidet in eine Mitsing-Melodie erster Güte. Das neue
Album setzt nochmal eins drauf. Jeder Tune eine kleine Hymne an die
Kräfte von Liebe, Leben und Sehnsucht. Wie die Mundharmonika
Charles Bronsons in „Spiel mir das Lied vom Tod“
eröffnet er mit einer simplen, gepfiffenen Melodie die
große Leinwand der Gefühle. Nur dass er ein
„Lied vom Leben“ singt, selbst wenn es wie
„Le Rang des Étoiles“ (deutsche
Übersetzung des Autors) vom Tod handelt:
„In der ersten Reihe der Sterne
Verdecken Dich die Wolken
Aber ich kann Dich sehen
Du sprichst zu den Planeten
Ich spreche zu den abrupten Schritten
Du bist gegangen, aber ich bin geblieben“
Gemäß Biga*Ranx ist der Song all jenen gewidmet, die
einen geliebten Menschen vermissen. Die Worte würden auch auf
den großen französischen Artist Naâman
passen, der am 7. Februar dieses Jahres hinter die Wolken geflogen ist.
Mit ihm hat er im Vorjahr den bewegenden Tune „Never
Take“ – „Die Liebe macht niemals Pause,
die einzig ewig währende Kraft ist in Deiner Brust“
– aufgenommen. Die Kernaussage in Naâmans letzem
Song „Amour“ – „Life only dies
in books“ – kann auch Biga ohne
Einschränkung unterschreiben.
Photo by
Werner Zips
So viele glaubwürdige Gefühle bei einem Artist, der
aus der Dancehall Szene kommt, ein Soundsystem namens Bandalero Sound
betreibt und als seine wichtigsten Einflüsse Supercat und Vybz
Kartel nennt, neben – und das ist offensichtlich bedeutsam
– Rocksteady Ikone Alton Ellis? Im Interview kommen auf
unsere Nachfrage hin noch ein paar andere dazu: neben Nicodemus oder
Lone Ranger fallen auch Namen, die im Reggae weniger oft genannt
werden: Edith Piaf und Jacques Brel. Vielleicht liegt genau darin das
Geheimnis seiner Musikalität – die eigentliche trademark von
Biga*Ranx. Sein Alleinstellungsmerkmal. Bei Biga verbinden sich die
unsterblichen Melodien französischer Chansons mit der
Expressivität und Lebenslust der jamaikanischen Dancehall.
Ein unschlagbares Gespann, hinter dem der Geist des fast schon
übermächtigen Serge Gainsbourg schwebt. Sein (mit Sly
and Robbie, den I-Threes und anderen Größen des
jamaikanischen Reggae) auf dem Jamrock eingespieltes 1979er Album
„Aux Armes et Caetera“ verknüpfte erstmals
französische Chansons mit hardcore yard Reggae. Kulturelle
Aneignung? Davon will Biga im Interview nichts wissen:
„Jeder inspiriert jeden. Das mag bei H&M im Sinne von
big business
ein Problem sein. Die klauen irgendeine Idee oder ein Kunstwerk,
drucken es auf ihre Shirts und verdienen damit Millionen. Damit leben
sie von den Schöpfungen ein paar kleiner Leute, die durch die
Finger schauen. Das ist ein echtes Problem. Aber jemand, der seine
eigene Kreativität benutzt, um aus Vorhandenem Neues zu
schaffen, gegen den muss man nicht kämpfen. Du kannst gegen
Ausbeuter, Serienmörder und Pädophile
kämpfen. Aber ich bin nur ein Künstler, der seine
Musik macht. Warum willst Du ausgerechnet mich bekämpfen? Das
ist, denke ich, der falsche Kampf. Wie kann ich jemanden für
etwas verurteilen, das er mit Liebe macht?“
Für Biga*Ranx gilt dieses Toleranzprinzip auch und an
vorderster Stelle für die intime zwischenmenschliche Liebe.
Dass das in unserem geliebten Genre noch immer nicht
selbstverständlich ist, haben die kontroversen Diskussionen
beim Rototom vor zwei Jahren gezeigt. Einige jamaikanische Artists
ließen sich erst nach langen Diskussionen und einigen
Zugeständnissen dazu überreden, unter der
Regenbogenflagge aufzutreten, die von den Veranstaltern als bewusstes
Zeichen der sexuellen Toleranz über der Hauptbühne
gehisst wurde. Dafür hat Biga so gar kein Verständnis:
„Du kannst Liebe in keiner Form verurteilen. Sie ist reine
Privatsache. Darüber muss man nicht einmal diskutieren.
Menschen dürfen bei der Liebe einfach das tun, was sie tun
wollen. Es ist ihr Leben, das niemand was angeht. Manche Leute wollen,
dass die anderen Leute so denken und leben wie sie selbst? Doch genau
das ist die Basis des Faschismus. Es muss dir egal sein, was in anderen
Betten passiert. Wenn Menschen ineinander verliebt sind, wie kann ich
sie verurteilen? I don't
get it, I really don't get it. Solange niemand beleidigt
oder verletzt wird, ist das doch nicht Dein Problem. Und
überhaupt: Wo genau liegt das Problem?“
Bei unserem ersten Treffen am Tag nach seinem umjubelten Auftritt beim
Rototom 2023 macht Biga, der sich lieber unter seinem zweiten
Künstlernamen Telly (von Telly* del Mundo) ansprechen
lässt, einen äußerst gewinnenden Eindruck.
Ein Sunshine Gemüt, das in sich ruht und von Star
Allüren so weit weg ist, wie Sizzla von Gender-Diversity. Der
1988 im französischen Tours mitten in der berühmten
Weingegend Val de Loire geborene Artist mit Geburtsnamen Gabriel
Piotrowski, verteilt musikalische Anti-Depressiva wie andere
Brandreden. Wobei auch er ums Feuer kreist, nur dass es in seinem Fall
die Kraft der Sonne ist, wie er betont:
„Mein Hauptmotiv ist die Sonne. Ich liebe es, über
die Sonne zu sprechen. Der Sonnenschein steht für mich
für eine hoffnungsvolle Botschaft. In meinen Songs
hörst Du kein Fluchen, keine bösen Worte. Ich
möchte etwas Positives liefern. Die meisten meiner Lieder
handeln von der Sonne, die natürlich nicht immer scheint und
gute wie schlechte Erfahrungen beleuchtet.“
Photo by
Werner Zips
So wie es die Liebe nicht ohne den Schmerz als ihre Kehrseite gibt,
verdunkelt sich die Sonne für Erdenbewohner (Jah sei Dank)
täglich. Biga*Ranx Musik ist alles andere als Sunshine Reggae.
Vielmehr kennt er die Regen- und die Dürrezeiten des Lebens
nur zu gut:
„Ich bin mit Sozialhilfe aufgewachsen und in Frankreich
heißt das schlicht: Armut. Nur die Musik hat mir die Kraft
gegeben, mich daraus zu befreien. Sie gab mir die Energie, erfolgreich
für eine bessere Zukunft zu kämpfen.“
Wenn er als Ein-Mann-Armee mit Schlagzeuger als support richtig
große Bühnen wie jene des Rototom bespielt, dann
muss schon einiges passieren, dass diese Energie so greifbar aus ihm
heraustritt, dass sie auf die massives
überspringt:
„Das ist manchmal ein fast magischer Kraftakt. Aber dann
mitzuerleben, wie 10.000 Münder deine Songs mitsingen, die Du
im stillen Kämmerchen geschaffen hast, ist ein
großartiges Gefühl, das mich immer wieder in Staunen
versetzt. Alles beginnt in deinem Kopf mit ein paar Gedanken, einer
Verbindung in deinem Gehirn, und dann singen das so viele Leute, das
ist einfach crazy.
Eigentlich bin ich eine schüchterne Person im normalen Leben.
Ich bin nicht allzu ausdrucksstark, aber wenn ich auf der
Bühne stehe, ist das wie mein Wohnzimmer. Ich stehe gerne auf
der Bühne. Es ist der Moment, in dem du all die Dinge
loswerden kannst, mit denen du kämpfst. Ich weiß
selbst gar nicht, ob ich Charisma oder Selbstvertrauen habe, aber eins
weiß ich: Live
on stage fühle ich mich absolut gut.“
Aus der Sicht eines Fans, der aufpassen muss, dass er vor lauter
Begeisterung und Tanzwut bei einem Auftritt des nicht einmal halb so
alten Biga nicht im Sauerstoffzelt landet, bleibt der angesprochene
Kraftakt unsichtbar. Was überspringt, sind die
unwiderstehlichen Melodien, die eine Crowd mit dem
Artist verbinden und zu einem einzigen tanzenden
Kollektivkörper werden lässt. Vor allem, wenn die
Botschaft in widrigen Zeiten so vor Zuversicht strotzt, wie in dem
titelgebenden Track Mountain
Top des neuen Albums:
„I see the sunshine when the rainfall
On the Mountain top you gonna see me stand tall
I see the sunshine when the rainfall
And I found my strength, gonna conquer it all
Seems like some lives no matter
I know we gonna brave the slaughter
Despite the chaos the disorder
All they have for us is nada
But anyway anyway
I see the sunshine when the rainfall
Started my journey in the valley of fear
Now I’m going to the top where the air is clear“
Photos:
Presse Archiv Biga*Ranx
In zwölf Textzeilen vermögen nur wenige scharfe
Sozialkritik mit Zukunftsoptimismus zu verbinden und gleichzeitig eine
Lebensweisheit mit auf den Weg zu geben, die gehypte
Selbsthilfe-Literatur auf tausenden Seiten nicht zustande bringt: Es
gilt im fallenden Regen die Sonne scheinen zu sehen. Der
Reggae-Alchimist Biga*Ranx schafft das in beinahe allen seinen Texten.
In seinen Liebesliedern „scheint oft der Regen“,
soll heißen, zeigt die Liebe ihr ambivalentes
Un/Glück – so wie im vielleicht schönsten
Liebeslied Danse
des neuen Albums:
„Feuchte Augen unter meinen Ray-Ban,
Ich liebte Dich vom ersten Tag an,
Wie soll ich bloß tanzen, wenn du nicht da bist
Das Leben ist zu fordernd, nur Du kannst es erleichtern
Du lässt den Regen aus meinen Augen fallen,
Es gibt mehr als mich und meinen Sampler,
Aber jetzt ist es zu spät, weil ich die (gemeinsame) Zeit
darüber vergessen habe
Jetzt lebe ich seit zwölf Monaten im Winter
Nichts ergibt Sinne, wenn Du nicht in meinem Leben bist
…“
Photo by
Werner Zips
Biga oder Telly ist ein Grenzen-Überwinder, der seit seiner
ersten Jamaika Reise im Alter von 18 Jahren (2006) wie ein Fluss aus
den jamaikanischen Musik-Quellen gespeist wird, aber
eigenständig in alle Weltgegenden mäandert. Dabei ist
es nicht nur Reggae, den sein Strom mit sich führt, sondern
viele andere Kunstgattungen, wie Graffiti, eine ganz eigene
Video-Ästhetik und ein faible für Art brut
(autodidaktische und einzelgängerische
„Laienkunst“), die mitunter an Basquiat erinnert,
den er sehr schätzt. Besonders empfehlenswert das Video zu Montagne, einem
Song seines letzten Albums. Die Inspiration dazu verdankt er seinem
sozialen Umfeld:
„Mein Glück waren künstlerisch und
handwerklich begabte Eltern. Meine Mutter ist Malerin, mein Vater
Tischler und mein Bruder ist DJ. Viele meiner Freunde machen auch
Kunst. Mein Hauptprojekt ist Biga*Ranx, aber ich habe auch ein
Nebenprojekt unter dem Namen Telly, Telly* del Mundo. Das erstreckt
sich über viele andere Genres.“
Official
Video: Biga*Ranx - Montagne
Wie nahe an den jamaikanischen Quellen, seine Kreativität zu
sprudeln vermag, zeigt er im Tune Tao
Paï Paï vom
neuen Album, eng angelehnt an Supercats unschlagbares Ghetto Red Hot.
Inhaltlich ist es ein battle
song mit einer in Jamaika nicht gar so
eingeübten Selbstironie. Trotzdem liefert er eine Hommage an
sein Jugendidol Supercat, die so klingt, als hätte Letzterer
über Nacht französisch gelernt. Wie das
möglich ist, dafür hat Biga eine einfache
Erklärung: „Als Reggae-Fan bist du immer in Jamaika.
Wenn du mit Reggae-Musik lebst, ist die Insel dein Universum. Dieser
Felsen ist der erstaunlichste Ort der Welt.“
Das Album Rainshine
ist digital bei Wagram Music erschienen.
Deutschland Tourdaten:
6/11 Hamburg - Übel & Gefährlich
7/11 Dortmund - Junkyard
8/11 Berlin - Heimathafen Neukölln
Copyright:
www.reggaestory.de Text:
Werner Zips Fotos:
Werner Zips & Biga*Ranx Presse Archiv