Diesjährige
Headliners sind: Alpha Blondy,
Beenie Man, Busy Signal, Alborosie, the Wailers und Black Uhuru.
Seinem sozialen Anspruch versucht es durch eine moderate
Preisgestaltung gerecht zu werden. Eintrittskarten für alles
sechs Tage kosten € 170, Camping 60 € und Glamping
mit zur Verfügung gestellten Zelten je nach Luxusbedarf
zwischen 109 € bis zum Emperor Zelt um 890 €,
für die gesamte Festivaldauer. Auch die Gastronomiepreise in
der kulinarischen Weltstadt mit Open Air Restaurants aus allen Teilen
des Globus bleiben erschwinglich. Dieser „globale
Karibikurlaub“ soll auch für Familien leistbar
bleiben. Jugendliche unter 13 Jahren haben gratis Zutritt,
über 13 Jahren zum halben Preis.

Ein imposantes Eingangstor zur
„Reggae City“ trennt die profane Welt des
draußen – Babylon in der Sprache der Reggae Musik
– von der beinahe schon sakralen Welt des drinnen. Wer durch
dieses Tor schreitet, betritt spürbar ein anderes Universum,
genauer gesagt, eine Sphäre der sozialen Utopie. Ganz nach dem
Willen der Veranstalter ist es wie eine Zeitreise in eine noch zu
gebärende Zukunft von „Peace and Love“.
Das Rototom Sunsplash ist natürlich auch ein Musikfestival,
gewidmet dem Reggae und allen Genres, die diese Musik beeinflusst und
hervorgebracht hat: Dancehall, Drum and Bass, Reggaeton, Afrobeats, Dub
bis hin zu Hip-Hop und südafrikanischem Kwaito. Doch es ist
viel mehr als ein reines Musikfestival. Mit seinem ureigenen,
chillig-sommerlichen Pathos strebt es eine grundsätzlich
mögliche bessere Welt an. Sein Vorjahresmotto
„United for Peace“ hatte nichts weniger als eine
neue globale Friedensbewegung vor Augen. Das diesjährige Motto
„The Power of Utopia“ macht zum einen deutlich,
dass das Friedensziel im vergangenen Jahr alles andere als
näher gerückt ist, zum anderen, dass Resignation
jedenfalls nicht die Agenda des Reggae und seiner jamaikanischen und
globalen Protagonist:innen war und ist.
Im heurigen Programm finden sich nicht wenige Reggae Urgesteine, allen
voran The Wailers, die Band von Bob Marley, Peter Tosh und Bunny
Wailer, auch wenn aus der ursprünglichen Besetzung nicht viel
mehr als der Bandname und Sohn von Aston
„Familyman“ Barrett übriggeblieben ist.
Ihr Auftritt ist dem 40. Jahrestag von Bob Marleys Best of
Album „The Legend“ gewidmet, dem mit über
25 Millionen verkauften Einheiten erfolgreichsten Reggae Album der
Geschichte. Es erschien drei Jahre nachdem Bob Marley dem Krebs erlag
und unsterblich wurde. Seine zentrale Botschaft One Love erfuhr durch
die gleichnamige, 2024 erschienene Filmbiografie eine kräftige
Wiederbelebung. Der Leitgedanke von „One Love“
appelliert an die Einheit der Menschheit, an die Überwindung
von Hass, Spaltung und Unterdrückung in allen denkbaren
Erscheinungsformen. Kaum ein Medium, das nicht über diesen
lang erwarteten Film berichtete, bis hin zu einer
halbstündigen Sendung inklusive Podcast im Radio Stephansdom
– ein wahrlich weiter Weg vom Kingstoner Ghetto Trenchtown
bis ins Herzen Wiens.

Das Rototom Sunsplash will diese Haltung einer alle Grenzen sprengenden
Liebe im Rahmen seiner Möglichkeiten umsetzen: „Mit
dem Motto ‚Vereint für Frieden‘ wollen wir
eine Erfahrung von friedlichem Zusammenleben begründen. Damit
soll sich der Samen des Friedensgedankens, den wir hier jeden Sommer
säen, über das Rototom hinaus verbreiten“,
heißt es im vorjährigen Programmheft. Nelson Mandela
war einer der Paten dieses optimistischen Engagements: „Es
erscheint immer unmöglich, bis es vollbracht ist.“
Wer sich zur Reise in diese Gegenwelt zur beherrschenden Gegenwart
entscheidet, sollte jedenfalls nicht unter
Berührungsängsten mit Utopien und dem besagten Pathos
leiden. Aber selbst für solche Zweifler und Skeptiker sorgt
das Festival mit einer eigenen Therapie-Zone mit Yoga Sessions,
sogenannten Naturtherapien und Einführungen in die Wirkweisen
medizinischer Pflanzen, ein kräftiger Schuss Schamanismus
inklusive. Reggae und Rasta trifft hier, im gut besuchten
Pachamama-Dome, auf indigene Mutter Erde Philosophien aus
Südamerika. Alternativer Wellness-Urlaub a la Rototom, nach
dem Grundgedanken: kulturelle Grenzen sind zum Überwinden da.


Das auf dem weitläufigen Festivalgelände
allgegenwärtige Löwensymbol in den
(äthiopischen) Rasta-Farben erinnert an den Urvater der
Rastafari Philosophie und ihres Leitmediums Reggae: den
äthiopischen Kaiser Haile Selassie, mit seinem
Krönungstitel „Siegreicher Löwe vom Stamme
Juda“. Sein internationales Wirken im Rahmen der Vereinten
Nationen und der von ihm (mit)begründeten Organisation
für Afrikanische Einheit stand für die zentralen
Werte von Frieden, internationaler Moralität, gleichen Rechten
und Gerechtigkeit. Eine Vielzahl aller Reggae- Interpretinnen und
Interpreten verstehen sich als Botschafter dieser Vision, die Haile
Selassie in seiner Rede vor der UNO-Generalversammlung am 4. Oktober
1963 auf den Punkt brachte:
„Bis
das Weltbild, das eine Rasse als höherwertig und eine andere
als geringer einstuft, endlich und endgültig diskreditiert und
aufgegeben wird. Bis es nicht länger Bürgerinnen
erster Klasse und zweiter Klasse in jedweder Nation gibt; bis die
Hautfarbe jedes Menschen genauso wenig Bedeutung hat, wie die Farbe
seiner/ihrer Augen; bis die grundlegenden Menschenrechte
gleichmäßig und unabhängig von Rasse
garantiert werden; bis zu diesem Tag wird der Traum bleibenden Friedens
und der Weltbürgerschaft und der internationalen
Moralität eine flüchtige Illusion bleiben, die
angestrebt aber niemals erreicht werden kann.“
Im Original nachzuhören auf Youtube oder im Bob Marleys
berühmten Song „War“, der mit
großer Wahrscheinlichkeit auch beim Rototom 2024 gespielt
werden wird.

Versatzstücke dieses Gedankenguts begegnen einem auf dem
Festivalgelände an allen Ecken und Enden. Sie sind die
sichtbare und viel mehr noch spürbare Substanz dieses
Festspiels der Toleranz und friedlichen Ko-Existenz. Hier geht es um
kulturellen Austausch und wechselseitige Befruchtung. Spaltpilze wie
die Rede von der kulturellen Aneignung finden hier
verständlicherweise keinen Nährboden. Sie
würden dem selbst ernannten „europäischen
Reggae Festival“ letztlich die Existenzberechtigung
entziehen. Seine Kernidee ist die Weltrepublik im erreichbaren
Maßstab der globalen Reggae-Community. Daher stehen
Afrikanische Philosophie-Seminare ebenso auf dem Tagesprogramm wie die
Rechte der weltweiten indigenen Bevölkerungen, die Prinzipien
der sexuellen Diversität unter dem Banner des Regenbogens und
im doppeldeutigen Sinn „natürlich“ die
großen ungelösten Herausforderungen der Gegenwart:
der Schutz der Artenvielfalt, der Kampf gegen die Klimakrise und
für eine alles umfassende Praxis der Nachhaltigkeit. Das
kinderfreundliche Festival bietet zudem Spiel- und Lernzonen in der
„magischen Welt“ und einen Teen Yard für
Urban Dance, Skating, Breaking, Open Mic und Poetry Slams.

Mutabaruka -
Rototom 2023
Öffentliche Diskursräume in luftigen Zelten und
Video-Konferenzen mit führenden Intellektuellen
gehören ebenso zum viel besuchten Tagesprogramm wie die
soziale Kunstgalerie, in der Kunstschaffende live Arbeiten zum
Generalthema des Festivals herstellen. Was das alles mit Reggae zu tun
hat, versucht die täglich vierstündige
Reggae-Universität, eine Podiumsveranstaltung mit
Kulturwissenschafterinnen und Künstlern zu beleuchten
– ein Alleinstellungsmerkmal dieses vielschichtigen
Festivals. Sie liefert brainfood, bevor es bei Sonnenuntergang auf den
sechs parallel bespielten Bühnen in die Beine geht.
Für Besucher und Besucherinnen bedeutet das mehrseitige
Programm die ständige Qual der Wahl. Obwohl es in
Benicàssim einen eigenen Reggae-Beach am Meer gibt, schaffen
es nur wenige dorthin.

Der
jamaikanische Dub Poet Mutabaruka und Autor Werner Zips beim
Rototom 2023.
Welche organisatorischen Leistungen dahinterstehen, lässt sich
nur erahnen. Hier gibt es keine langen Wartezeiten bei Toiletten
– auch nicht für Frauen. Die zahlreichen
Gastrobetriebe und Eisläden sorgen für prompte
Bedienung. Kein Bargeld notwendig, nur wiederverwendbare Trinkbecher.
Ein Festival als Übungsstätte für die
angestrebte plastikfreie und emissionsneutrale Welt. Perfektion ist
hier das Geheimnis für die Freiheit von Lust und Laune. Wie
zum Beispiel nachmittags eine mobile Dancehall Disco auf
Fahrrädern. Hunderte folgen tanzend dem knallgelben
Soundsystem, seinem DeeJay und Reggaeton-Klängen aus
überdimensionalen Boxen. Leicht erkennbar ist es eine
Allegorie auf die mobilen Discos aus den Kingstoner Ghettobezirken
Jamaikas, die zum Wegbereiter von Hip-Hop, Reggaeton, Afrobeats wurden.
Danach erinnert eine Nyahbinghi Trommelsession im House of Rastafari,
das von italienischen Rastas betrieben wird, an die spirituellen
Grundlagen von Reggae.


Daran knüpfen Künstler:innen
der ersten Stunde – die so genannten foundation artists
– nahtlos an: Don Carlos, Mitbegründer von Black
Uhuru, Mutabaruka, der bekannteste Dub Poet und Ikone der
Rasta-Bewegung, die Veteranen des Inna de Yard Kollektivs und allen
voran die größte lebende Reggae Legende, Burning
Spear. Mit seinen 77 Jahren begeistert er das Publikum nicht nur mit
Hits aus bald sieben Jahrzehnten, sondern mit dem für viele
berührendsten Moment des Festes, als er seine an Demenz
erkrankte Frau auf die Bühne holt und ihr öffentlich
erklärt, dass es Burning Spear ohne sie nie gegeben
hätte.
Auch im heurigen Jahr sind die Oldies mit Johnny
Clarke, The Congos, Alpha Blondy und eine Formation von Black Uhuru,
die zumindest Gründungsmitglied Duckie Simpson beinhalten
sollte, wieder gut vertreten. Neben seinen vielen anderen
Stärken bietet das Rototom Sunsplash auch die rare Chance
einer Zeitreise in die Frühzeit des Reggae und seiner
untrennbar verbundenen Rastafari livity. Das
Generationen-übergreifende Programm ist genau das: Programm.
Die Musik wird hier von ihren Wurzeln ausgehend zelebriert, reicht
über arrivierte Künstler:innen wie Alborosie, Busy
Signal, Etana oder Beenie Man bis zu den frischen Knospen, wie sie
Naomi Cowan, Nattali Rize, Jah Lil oder Skip Marley, ein Enkelsohn von
Bob Marley, repräsentieren.
Es sind unvergleichliche
Erlebnisse, wenn auf vielen Bühnen gleichzeitig die Funken ins
Publikum überspringen und je nach musikalischen Vorlieben die
Hymnen des Abends entstehen. Wie im Vorjahr bei dem
französischen Künstler Biga *Ranx, dessen
zeitgemäßes Lied 7 Days vielleicht zum
prägenden Augenblick des Festivals wurde:
God made the
world
inna seven days
Human fuck
it up inna million ways
All I'm
looking for is better days …
Aus tausenden
Mündern mitgesungen, deren Stimmen sich in der Sehnsucht nach
besseren Zeiten vereinen, was könnte ein besseres Motto
für das heurige Jahr liefern? Das Rototom Sunsplash in
Benicàssim verspricht nach einem Jahr der stetig zunehmenden
sozialen Konflikte und politischen Kapriolen jedenfalls wie wenige
andere Orte auf diesem Planeten eine Auszeit, frei nach Arnold
Schwarzeneggers Terminator: „I need a vacation“.

Literaturtipps
zu dieser Reise:
Werner Zips: Hail di Riddim. Reportagen aus dem Reggaeversum
JamaicAfrica: Promedia Verlag. 2015
Mutabaruka, Sebastian Schwager und Werner Zips: Mutabaruka –
The Verbal Swordsman. Perspectives from the Cutting Edge and Steppin
Razor: Ian Randle Publishers.
2023

Copyright:
www.reggaestory.de
Text und
Fotos:
Werner Zips
& Angelica V. Marte
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