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Rototom Sunsplash
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10.07.2024 - THE POWER OF UTOPIA
EINE ZEITREISE ZUM ROTOTOM SUNSPLASH FESTIVAL NACH SPANIEN


Text und Fotos: Werner Zips & Angelica V. Marte

Rototom 2024
Einmal im Jahr wird eine Kleinstadt an der Costa del Azahar zur Welthauptstadt – zumindest der globalen Welt der Reggae Kultur. Vor genau dreißig Jahren schlug im Sommer 1994 die Geburtsstunde des mittlerweile weltweit größten Reggae Festivals. Nach mehreren Stationen in Italien versammeln sich nunmehr einmal jährlich rund 230.000 Musikfans in Benicàssim an der Küste zwischen Valencia und Barcelona – ideal für eine Urlaubs-Verlängerungswoche. Das sechstägige Festival mit seinem umfangreichen Nebenprogramm findet heuer vom 16. – 22. August statt.
Diesjährige Headliners sind: Alpha Blondy, Beenie Man, Busy Signal, Alborosie, the Wailers und Black Uhuru.

Seinem sozialen Anspruch versucht es durch eine moderate Preisgestaltung gerecht zu werden. Eintrittskarten für alles sechs Tage kosten € 170, Camping 60 € und Glamping mit zur Verfügung gestellten Zelten je nach Luxusbedarf zwischen 109 € bis zum Emperor Zelt um 890 €, für die gesamte Festivaldauer. Auch die Gastronomiepreise in der kulinarischen Weltstadt mit Open Air Restaurants aus allen Teilen des Globus bleiben erschwinglich. Dieser „globale Karibikurlaub“ soll auch für Familien leistbar bleiben. Jugendliche unter 13 Jahren haben gratis Zutritt, über 13 Jahren zum halben Preis.

Rototom 2024

Ein imposantes Eingangstor zur „Reggae City“ trennt die profane Welt des draußen – Babylon in der Sprache der Reggae Musik – von der beinahe schon sakralen Welt des drinnen. Wer durch dieses Tor schreitet, betritt spürbar ein anderes Universum, genauer gesagt, eine Sphäre der sozialen Utopie. Ganz nach dem Willen der Veranstalter ist es wie eine Zeitreise in eine noch zu gebärende Zukunft von „Peace and Love“.

Das Rototom Sunsplash ist natürlich auch ein Musikfestival, gewidmet dem Reggae und allen Genres, die diese Musik beeinflusst und hervorgebracht hat: Dancehall, Drum and Bass, Reggaeton, Afrobeats, Dub bis hin zu Hip-Hop und südafrikanischem Kwaito. Doch es ist viel mehr als ein reines Musikfestival. Mit seinem ureigenen, chillig-sommerlichen Pathos strebt es eine grundsätzlich mögliche bessere Welt an. Sein Vorjahresmotto „United for Peace“ hatte nichts weniger als eine neue globale Friedensbewegung vor Augen. Das diesjährige Motto „The Power of Utopia“ macht zum einen deutlich, dass das Friedensziel im vergangenen Jahr alles andere als näher gerückt ist, zum anderen, dass Resignation jedenfalls nicht die Agenda des Reggae und seiner jamaikanischen und globalen Protagonist:innen war und ist.

Im heurigen Programm finden sich nicht wenige Reggae Urgesteine, allen voran The Wailers, die Band von Bob Marley, Peter Tosh und Bunny Wailer, auch wenn aus der ursprünglichen Besetzung nicht viel mehr als der Bandname und Sohn von Aston „Familyman“ Barrett übriggeblieben ist. Ihr Auftritt ist dem 40. Jahrestag von Bob Marleys Best of Album „The Legend“ gewidmet, dem mit über 25 Millionen verkauften Einheiten erfolgreichsten Reggae Album der Geschichte. Es erschien drei Jahre nachdem Bob Marley dem Krebs erlag und unsterblich wurde. Seine zentrale Botschaft One Love erfuhr durch die gleichnamige, 2024 erschienene Filmbiografie eine kräftige Wiederbelebung. Der Leitgedanke von „One Love“ appelliert an die Einheit der Menschheit, an die Überwindung von Hass, Spaltung und Unterdrückung in allen denkbaren Erscheinungsformen. Kaum ein Medium, das nicht über diesen lang erwarteten Film berichtete, bis hin zu einer halbstündigen Sendung inklusive Podcast im Radio Stephansdom – ein wahrlich weiter Weg vom Kingstoner Ghetto Trenchtown bis ins Herzen Wiens.

One Love - Film 2024

Das Rototom Sunsplash will diese Haltung einer alle Grenzen sprengenden Liebe im Rahmen seiner Möglichkeiten umsetzen: „Mit dem Motto ‚Vereint für Frieden‘ wollen wir eine Erfahrung von friedlichem Zusammenleben begründen. Damit soll sich der Samen des Friedensgedankens, den wir hier jeden Sommer säen, über das Rototom hinaus verbreiten“, heißt es im vorjährigen Programmheft. Nelson Mandela war einer der Paten dieses optimistischen Engagements: „Es erscheint immer unmöglich, bis es vollbracht ist.“ Wer sich zur Reise in diese Gegenwelt zur beherrschenden Gegenwart entscheidet, sollte jedenfalls nicht unter Berührungsängsten mit Utopien und dem besagten Pathos leiden. Aber selbst für solche Zweifler und Skeptiker sorgt das Festival mit einer eigenen Therapie-Zone mit Yoga Sessions, sogenannten Naturtherapien und Einführungen in die Wirkweisen medizinischer Pflanzen, ein kräftiger Schuss Schamanismus inklusive. Reggae und Rasta trifft hier, im gut besuchten Pachamama-Dome, auf indigene Mutter Erde Philosophien aus Südamerika. Alternativer Wellness-Urlaub a la Rototom, nach dem Grundgedanken: kulturelle Grenzen sind zum Überwinden da.

Rototom 2023

Rototom 2023

Das auf dem weitläufigen Festivalgelände allgegenwärtige Löwensymbol in den (äthiopischen) Rasta-Farben erinnert an den Urvater der Rastafari Philosophie und ihres Leitmediums Reggae: den äthiopischen Kaiser Haile Selassie, mit seinem Krönungstitel „Siegreicher Löwe vom Stamme Juda“. Sein internationales Wirken im Rahmen der Vereinten Nationen und der von ihm (mit)begründeten Organisation für Afrikanische Einheit stand für die zentralen Werte von Frieden, internationaler Moralität, gleichen Rechten und Gerechtigkeit. Eine Vielzahl aller Reggae- Interpretinnen und Interpreten verstehen sich als Botschafter dieser Vision, die Haile Selassie in seiner Rede vor der UNO-Generalversammlung am 4. Oktober 1963 auf den Punkt brachte:

„Bis das Weltbild, das eine Rasse als höherwertig und eine andere als geringer einstuft, endlich und endgültig diskreditiert und aufgegeben wird. Bis es nicht länger Bürgerinnen erster Klasse und zweiter Klasse in jedweder Nation gibt; bis die Hautfarbe jedes Menschen genauso wenig Bedeutung hat, wie die Farbe seiner/ihrer Augen; bis die grundlegenden Menschenrechte gleichmäßig und unabhängig von Rasse garantiert werden; bis zu diesem Tag wird der Traum bleibenden Friedens und der Weltbürgerschaft und der internationalen Moralität eine flüchtige Illusion bleiben, die angestrebt aber niemals erreicht werden kann.“ Im Original nachzuhören auf Youtube oder im Bob Marleys berühmten Song „War“, der mit großer Wahrscheinlichkeit auch beim Rototom 2024 gespielt werden wird.

Rototom 2023

Versatzstücke dieses Gedankenguts begegnen einem auf dem Festivalgelände an allen Ecken und Enden. Sie sind die sichtbare und viel mehr noch spürbare Substanz dieses Festspiels der Toleranz und friedlichen Ko-Existenz. Hier geht es um kulturellen Austausch und wechselseitige Befruchtung. Spaltpilze wie die Rede von der kulturellen Aneignung finden hier verständlicherweise keinen Nährboden. Sie würden dem selbst ernannten „europäischen Reggae Festival“ letztlich die Existenzberechtigung entziehen. Seine Kernidee ist die Weltrepublik im erreichbaren Maßstab der globalen Reggae-Community. Daher stehen Afrikanische Philosophie-Seminare ebenso auf dem Tagesprogramm wie die Rechte der weltweiten indigenen Bevölkerungen, die Prinzipien der sexuellen Diversität unter dem Banner des Regenbogens und im doppeldeutigen Sinn „natürlich“ die großen ungelösten Herausforderungen der Gegenwart: der Schutz der Artenvielfalt, der Kampf gegen die Klimakrise und für eine alles umfassende Praxis der Nachhaltigkeit. Das kinderfreundliche Festival bietet zudem Spiel- und Lernzonen in der „magischen Welt“ und einen Teen Yard für Urban Dance, Skating, Breaking, Open Mic und Poetry Slams.

Mutabaruka - Rototom 2023

Mutabaruka - Rototom 2023

Öffentliche Diskursräume in luftigen Zelten und Video-Konferenzen mit führenden Intellektuellen gehören ebenso zum viel besuchten Tagesprogramm wie die soziale Kunstgalerie, in der Kunstschaffende live Arbeiten zum Generalthema des Festivals herstellen. Was das alles mit Reggae zu tun hat, versucht die täglich vierstündige Reggae-Universität, eine Podiumsveranstaltung mit Kulturwissenschafterinnen und Künstlern zu beleuchten – ein Alleinstellungsmerkmal dieses vielschichtigen Festivals. Sie liefert brainfood, bevor es bei Sonnenuntergang auf den sechs parallel bespielten Bühnen in die Beine geht. Für Besucher und Besucherinnen bedeutet das mehrseitige Programm die ständige Qual der Wahl. Obwohl es in Benicàssim einen eigenen Reggae-Beach am Meer gibt, schaffen es nur wenige dorthin.

Mutabaruka & Werner Zips - Rototom 2023

Der jamaikanische Dub Poet Mutabaruka und Autor Werner Zips beim Rototom 2023.

Welche organisatorischen Leistungen dahinterstehen, lässt sich nur erahnen. Hier gibt es keine langen Wartezeiten bei Toiletten – auch nicht für Frauen. Die zahlreichen Gastrobetriebe und Eisläden sorgen für prompte Bedienung. Kein Bargeld notwendig, nur wiederverwendbare Trinkbecher. Ein Festival als Übungsstätte für die angestrebte plastikfreie und emissionsneutrale Welt. Perfektion ist hier das Geheimnis für die Freiheit von Lust und Laune. Wie zum Beispiel nachmittags eine mobile Dancehall Disco auf Fahrrädern. Hunderte folgen tanzend dem knallgelben Soundsystem, seinem DeeJay und Reggaeton-Klängen aus überdimensionalen Boxen. Leicht erkennbar ist es eine Allegorie auf die mobilen Discos aus den Kingstoner Ghettobezirken Jamaikas, die zum Wegbereiter von Hip-Hop, Reggaeton, Afrobeats wurden. Danach erinnert eine Nyahbinghi Trommelsession im House of Rastafari, das von italienischen Rastas betrieben wird, an die spirituellen Grundlagen von Reggae.

Rototom 2023

Rototom 2023

Daran knüpfen Künstler:innen der ersten Stunde – die so genannten foundation artists – nahtlos an: Don Carlos, Mitbegründer von Black Uhuru, Mutabaruka, der bekannteste Dub Poet und Ikone der Rasta-Bewegung, die Veteranen des Inna de Yard Kollektivs und allen voran die größte lebende Reggae Legende, Burning Spear. Mit seinen 77 Jahren begeistert er das Publikum nicht nur mit Hits aus bald sieben Jahrzehnten, sondern mit dem für viele berührendsten Moment des Festes, als er seine an Demenz erkrankte Frau auf die Bühne holt und ihr öffentlich erklärt, dass es Burning Spear ohne sie nie gegeben hätte.

Auch im heurigen Jahr sind die Oldies mit Johnny Clarke, The Congos, Alpha Blondy und eine Formation von Black Uhuru, die zumindest Gründungsmitglied Duckie Simpson beinhalten sollte, wieder gut vertreten. Neben seinen vielen anderen Stärken bietet das Rototom Sunsplash auch die rare Chance einer Zeitreise in die Frühzeit des Reggae und seiner untrennbar verbundenen Rastafari livity. Das Generationen-übergreifende Programm ist genau das: Programm. Die Musik wird hier von ihren Wurzeln ausgehend zelebriert, reicht über arrivierte Künstler:innen wie Alborosie, Busy Signal, Etana oder Beenie Man bis zu den frischen Knospen, wie sie Naomi Cowan, Nattali Rize, Jah Lil oder Skip Marley, ein Enkelsohn von Bob Marley, repräsentieren.

Es sind unvergleichliche Erlebnisse, wenn auf vielen Bühnen gleichzeitig die Funken ins Publikum überspringen und je nach musikalischen Vorlieben die Hymnen des Abends entstehen. Wie im Vorjahr bei dem französischen Künstler Biga *Ranx, dessen zeitgemäßes Lied 7 Days vielleicht zum prägenden Augenblick des Festivals wurde:

God made the world inna seven days
Human fuck it up inna million ways
All I'm looking for is better days …

Aus tausenden Mündern mitgesungen, deren Stimmen sich in der Sehnsucht nach besseren Zeiten vereinen, was könnte ein besseres Motto für das heurige Jahr liefern? Das Rototom Sunsplash in Benicàssim verspricht nach einem Jahr der stetig zunehmenden sozialen Konflikte und politischen Kapriolen jedenfalls wie wenige andere Orte auf diesem Planeten eine Auszeit, frei nach Arnold Schwarzeneggers Terminator: „I need a vacation“.

Rototom 2023


Literaturtipps zu dieser Reise:

Werner Zips: Hail di Riddim. Reportagen aus dem Reggaeversum JamaicAfrica: Promedia Verlag. 2015

Mutabaruka, Sebastian Schwager und Werner Zips: Mutabaruka – The Verbal Swordsman. Perspectives from the Cutting Edge and Steppin Razor: Ian Randle Publishers. 2023

Werner Zips + Sebastian Schwager - Mutabaruka - The Verbal Swordsman Werner Zips - Hail Di Riddim

Copyright: www.reggaestory.de
Text und Fotos: Werner Zips & Angelica V. Marte

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